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Panzer für Golfregion

FACTS 13/2003, 27.3.03
Die Schweiz verkauft den Arabischen Emiraten Waffensysteme – einem Staat, der Handabhacken und Steinigung im Strafvollzug ausübt.
Von Mario Poletti

Der Rüstungschef vom Verteidigungsdepartement VBS ist ein Mann der Tat – er sucht die Kunden für seine ausrangierten Waffensysteme höchstpersönlich: Alfred Markwalder besteigt sechs Tage vor Kriegsausbruch im Irak das Flugzeug Richtung Golfregion und besucht die grösste Waffenmesse im arabischen Raum, die Idex in Abu Dhabi in den Vereinigten Arabischen Emiraten. An diesem Basar der Waffenhändler wird vom Messer bis zum Kampfhubschrauber alles angeboten.

Markwalder sagt, er habe nur einen Kunden getroffen, den Kommandanten der Luftwaffe der Emirate. Verhandelt haben die beiden über den Verkauf von 18 Schweizer Hawk-Jet-Trainingsflugzeugen. Die Verhandlungen seien gut verlaufen, der Preis sei aber noch nicht fixiert: «Wir warten auf das Angebot aus den Emiraten.»

Unter Dach und Fach ist ein anderer Rüstungsdeal. Die Schweiz verkauft den Emiraten 40 Panzerhaubitzen M109. «Der Vertrag wurde vor drei Wochen unterzeichnet und ist rechtskräftig», bestätigt Markwalder.

Die Kriegsmaterial-Lieferung in die Golfregion ist politisch fragwürdig. Die Herrscher in den Emiraten haben schon vor dem Irak-Krieg in ständiger Angst gelebt, regionale Konflikte könnten auf ihr Territorium übergreifen. Und die innenpolitische Situation in den Scheichtümern ist alles andere als demokratisch. Politische Parteien gibt es keine, drei Viertel der Bevölkerung sind Ausländer, die keinerlei Rechte besitzen. Amnesty International rapportiert regelmässig archaische Strafen wie Steinigung, Handabhacken und Auspeitschung – vorzugsweise ausgeführt an Gastarbeitern aus Bangladesch, Pakistan oder Sri Lanka.

Das Schweizer Kriegsmaterialgesetz sieht ausdrücklich vor, bei der Bewilligung die regionale Stabilität und die Situation der Menschenrechte zu berücksichtigen. Die zuständigen Departemente hätten das Panzergeschäft abgesegnet, sagt Rüstungschef Markwalder, und die erste Lieferung sei erst in 18 Monaten vorgesehen: «Bis dahin hat sich die Lage am Golf hoffentlich stabilisiert.»

Das Departement für auswärtige Angelegenheiten EDA mahnt auf der Homepage Reisende in die Emirate zur Vorsicht, weil «sich in Anbetracht der komplizierten Verhältnisse im nahen Osten die Lage plötzlich ändern kann.» Das EDA drückt sich aber um eine Stellungnahme zum Panzer-Deal und verweist auf das Staatssekretariat für Wirtschaft Seco. Dort erklärt Othmar Wyss, zuständig für die Kontrolle der Waffenexporte: «Nur bei systematisch schwer wiegenden Menschenrechtsverletzungen wird kein Kriegsmaterial exportiert.» Auch bezüglich der regionalen Stabilität seien die Emirate nicht so gefährdet, dass kein Rüstungsexport möglich sei.

Als vor drei Jahren in Deutschland enthüllt wurde, dass die Bundesregierung den Emiraten 64 bewaffnete Fuchs-Panzer zum Aufspüren atomarer, biologischer und chemischer Waffen liefern wollte, ging ein Aufschrei durchs Land. Das Magazin «Stern» zitierte aus einem Bericht des Bundesnachrichtendienstes, der die im Ölgeld schwimmenden Emirate als «zentrale Drehscheibe» für die Beschaffung von Technologie für Massenvernichtungswaffen bezeichnet. Ein Kompromiss rettete den Rüstungsdeal, die Panzer wurden ohne Bewaffnung geliefert.

Jetzt erhalten die Herrscher in den Scheichtümern mit der wendigen Schweizer Panzerhaubitze M109 ein schlagkräftiges Waffensystem. Kanistermunition und Stahlgranate gehören zur Standardbewaffnung, gegen Aufständische im Innern dürfte das aufmontierte Maschinengewehr 12,7 mm reichen.

Die Hawk-Jet-Trainer sollen bei Verkaufsabschluss die Schweiz unbewaffnet verlassen. Auf dem internationalen Rüstungsmarkt ist aber die geeignete Ausrüstung leicht zu beschaffen: Kanonen des Kalibers 30 mm und Luft-Luft-Lenkwaffen vom Typ AIM-9P Sidewinder Infrarot.

Wenn die Rüstungsdeals mit den Scheichen nicht auf innenpolitischen Widerstand in der Schweiz stossen, klingelt bald die Kasse. Allein die 40 Panzerhaubitzen spielen 2,3 Millionen Dollar ein – vereinbart wurde zusätzlich, dass der

bundeseigene Rüstungsbetrieb Ruag die Panzer flottmacht. Für Revisions- und Modifikationskosten legen die Emirate nochmals über sieben Millionen Dollar auf den Tisch. Der geschätzte Marktpreis für die 18 Hawk-Jets beträgt gar 70 bis 80 Millionen Dollar.

Sechs Tage vor dem Kriegsausbruch im Irak reiste auch Ruag-Chef Toni Wicki an die Waffenmesse in Abu Dhabi. «Er sass zufällig im gleichen Flugzeug», sagt Rüstungschef Markwalder und markiert Distanz. Mit gutem Grund. Wickis Ruag strapaziert die schweizerische Neutralität. Die Schweizerische Waffenschmiede kooperiert auch mit Staaten wie Israel und Jordanien.

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SP will Bundesfirma Ruag einklagen

Der Bund erlaubt das Geschäft mit Boeing nur unter Auflagen. Seine Waffenschmiede liefert weiter, ohne die Garantien aus den USA erhalten zu haben.
Samstag, 22. März, dritter Kriegstag an Bord des Flugzeugträgers USS «Abraham Lincoln»: In kurzen Abständen schiessen die beiden Kampfpiloten Scott Swift und Stan Wilson in ihren beiden brandneuen F/A-18 E Super Hornets über die Plattform des Flugzeugträgers hinaus. Ihr Ziel: zwei Gebäude in einer zentral-irakischen Stadt.

Gegenüber der «Washington Post» schwärmen die Piloten später von den Qualitäten des neuesten Kampfjets aus der F/A-18-Reihe: «Mit dieser Maschine werden die Träume jedes Piloten wahr.» Zwölf dieser «Wunderjets» sind bereits an die Airforce ausgeliefert und werden im Krieg gegen den Irak eingesetzt. Jetzt stellt sich die Frage, ob Schweizer Technologie mit an Bord ist.

Die Schweiz liefert nämlich Komponenten für den neuen F/A-18 E an den Hersteller Boeing. Zum Beispiel hoch-präzise Strukturteile zur Befestigung des Höhenleitwerks. «Für diese Teile sind wir alleiniger Lieferant», sagt Pierre F. Derendinger, Generaldirektor der Derendinger & Cie. SA in Genf, stolz. Sind diese Teile schon in die ersten ausgelieferten Jets eingebaut oder als Ersatzteile vorgesehen? – «Ich glaube es nicht, aber ich kann es auch nicht ausschliessen», sagt Derendinger. Grund: Die Ruag-Tochter liefere die Komponenten erst seit 2001 an die Amerikaner. Genau 96 Stück seien es bisher gewesen. Davor stellte Boeing diese Teile selber her. Die Amerikaner seien jedoch von der Schweizer Präzision und Qualität angetan gewesen, erklärt Pierre Derendinger.

Bei SP, CVP und Grünen regt sich jetzt Widerstand. Sie fordern einen sofortigen Stopp von Waffenexporten an die Krieg führenden Länder während der Dauer des Krieges. Am 20. März entschied der Bundesrat, dass die Ruag und ihre Tochter Derendinger zwar weiterhin Teile für die amerikanische F/A-18-Produktion liefern dürfen. Allerdings muss die Ruag neu eine schriftliche Bestätigung einholen, dass die mit Schweizer Teilen produzierten Kampfflugzeuge frühestens in einem Jahr an die Truppe ausgeliefert werden.

«Das geht aber nicht so schnell», sagt Othmar Wyss, der beim Staatssekretariat für Wirtschaft für die Kontrolle der Waffenexporte zuständig ist. Um den Beschluss des Bundesrats umzusetzen, seien Vorbereitungsarbeiten nötig: Schweizer Lieferfirmen müssen informiert und Kunden angefragt werden. Immerhin sagt Ruag-Sprecher Bruno Frangi: «Eine Anfrage bei den Amerikanern ist unterwegs.»

In der Zwischenzeit geht der Golfkrieg weiter, ebenso die umstrittenen Lieferungen an die Kriegsparteien. Bereits am 21. März, nur einen Tag nach der bundesrätlichen Verschärfung der Exportbestimmungen, verliess gemäss Pierre Derendinger eine neue Lieferung F/A-18-Teile die Schweiz Richtung USA. Ohne die verlangte Bestätigung der Amerikaner.

Jetzt hat SP-Parteisekretär Reto Gamma genug: «Wenn das stimmt, ist das Kriegsmaterialgesetz eindeutig verletzt. Dann wird die SP Schweiz die Ruag einklagen.» Leo Ferraro
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von R. Blatter, 01.05.2003, 16:16
... ja, ja verbietet dies endlich, setzt die Arbeiter dieser Firmen auf die Strasse und lasst uns endlich die Arbeitslos...

von Louis Stucki, 31.03.2003, 12:16
Tja, wenn man mit Waffenexporten Profit machen kann, werden schnell plumpe Ausreden gesucht wie "Diese Waffen k&oum...

von Rupert Amann, 30.03.2003, 17:56
Krieg und Kriegsgegenstände wie Waffen, Panzer etc. haben immer negative Auswirkungen und Blut an den Hände...

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