Begrüssung: Viele Gründe für eine Gegentagung
Luzerner Gegentagung "Für ein soziales und solidarisches Europa"
Sonntag, 26. März 2000, Roland Brunner
Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde
- Fast zehn Jahre ist es her, dass der wirtschaftliche, soziale und
politische Zerfall des ehemaligen Jugoslawien in eine Reihe von Nachfolgekriegen
um Macht und Herrschaft eskalierte. Zehn Jahre, in denen die internationale
Gemeinschaft von einem militärischen trouble-shooting zum
nächsten, von einem Waffenstillstandsabkommen zur nächsten
Militärdrohung eilte. Von einer politischen Lösung der Konflikte
sind wir weit entfernt. Dass das Abkommen von Dayton Teil des Problems
und nicht der Lösung ist, wissen heute alle, wagt aber kaum jemand
laut zu sagen.
- Fast auf den Tag genau ein Jahr ist es her, dass die Nato mit Bombenangriffen
aus 5000 Metern Höhe versprach, im Kosovo@ Frieden und Menschenrechte
durchzusetzen. Mit der Begründung, einen neuen Völkermord
zu verhindern, wurde internationales Recht gebrochen. Dass die damals
herumgebotenen Zahlen von Hunderttausenden von Toten, Vergewaltigten
und Gefolterten reine Legitimationspropaganda waren, ist jetzt offensichtlich.
Lehren daraus werden aber nicht gezogen. Dass man nicht einfach oben
Bomben runterlassen kann und unten Frieden und Respekt vor Menschenrechten
herauskommt, sollte inzwischen allen klar sein. Die Situation im Kosov@
heute zeigt, wozu militärisches Konfliktmanagement fähig ist
- und wozu eben nicht.
- Genau ein Monat ist es her, dass die NZZ unter dem Titel "Flucht ohne
Ende" berichtete, dass vermehrt wieder Bosnien-Flüchtlinge illegal
in die Schweiz zurückkommen, weil sie in ihrer zerstörten
Heimat keine Überlebensperspektive haben (NZZ 23.2.200). Noch zwei
Monate Zeit verbleiben, bis rund 70'000 Menschen aus dem Kosov@ die
Schweiz verlassen müssen. Ob sie in ihrer vorherigen Heimat eine
Bleibe und eine Zukunft haben, interessiert die Schweizer Politik nicht.
- Zwei Wochen sind vergangen, seit die Mehrheit des Nationalrates für
die Revision des Militärgesetzes grünes Licht gegeben hat.
Grundsätzlich ist dieses Gesetz Ausdruck einer falschen Sicherheitspolitik.
Zudem werden minimalste friedenspolitische Bedingungen in den Wind geschlagen:
Ohne zwingendes UNO- oder OSZE-Mandat, ohne Beschränkung auf friedenserhaltende
Missionen, ohne Begrenzung der Bewaffnung auf den Selbstschutz wird
mit diesem Gesetz der Armee ein Blankoscheck für bewaffnete Auslandeinsätze
ausgestellt.
- Ebenfalls zwei Wochen ist es her, dass mit Vorschlägen für
Arbeitsverbote und Abstrichen bei der Fürsorge für Asylsuchende
die nächste Runde der institutionellen Asylverhinderung eingeläutet
wurde.
- Ganze drei Tage ist es her, dass der Ständerat mit 35 gegen 4
Stimmen die Umverteilungs-initiative zur Halbierung der Armeekosten
runtergeputzt hat. Bundesrat Ogi qualifizierte sie als "überholtes
Konzept von gestern". Zitat: "Unser Departement hat schon massiv gespart.
Wir bluten! Die Durststrecke muss ein Ende haben! (...) Die künftige
Armee wird zwar klein, aber nicht billiger sein." Folgerichtig sieht
der Bundesrat im Legislaturprogramm "im Rüstungsbereich einen Nachholbedarf"
und spricht von einer Ausgabensteigerung von 4 Prozent für die
Armee.
Vertreter - auch hier fast ausschliesslich Männer - dieser militaristischen
und migrationsfeindlichen Politik treffen sich in den nächsten beiden
Tagen hier in Luzern auf Einladung des Europa-Forum und unter dem Patronat
von Bundespräsident und Verteidigungsminister Adolf Ogi.
Derzeit stehen in Europa 1,9 Millionen Menschen - zum weitaus grössten
Teil Männer - unter Waffen. Die Welt lässt sich Krieg und Rüstung
jährlich 1200 Milliarden Franken kosten.
Es reicht! Es ist Zeit für Frieden und Gerechtigkeit, Zeit für
ein soziales und solidarisches Europa. Um dieser Hoffnung Ausdruck zu
geben, haben wir uns heute zu einer Gegentagung versammelt. Ich bedanke
mich bei allen, die mit ihrer Anwesenheit dagegen protestieren, dass am
offiziellen Europa-Forum Sicherheit fast ausschliesslich unter militärischen
und migrationsfeindlichen Vorzeichen diskutiert wird und die hier und
heute zeigen, dass es ein anderes Europa gibt - ein soziales und solidarisches.
Liebe Anwesende, vielen Dank, dass ihr gekommen seid. Ich wünsche
uns allen eine gute und spannende Tagung.
Roland Brunner
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