Frieden machen nichts für MackerVon Renate Wanie Ist der ZFD eine Spielwiese für Friedens-Rambos? Oder unterläuft er umgekehrt männliche Allmachtsphantasien? Feministische Überlegungen zur Gewalt im Geschlechterverhältnis und zu den GSoA-Inititiativprojekten.Wie können in der Diskussion um den Zivilen Friedensdienst auch militarisierte Männlichkeit und patriarchale Gewalt hinterfragt werden? Anstoss zu diesem Beitrag von Renate Wanie waren das feministische Gutachten zu den beiden geplanten GSoA-Initiativen und das daran anschliessende GSoA-Seminar vom vergangenen September. |
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Das Militär ist die grösste patriarchale Institution in modernen Gesellschaften, der stabilste und älteste Männerbund. Kriege werden von Männern vorbereitet und durchgeführt. Auch der Zugang zu den Waffen und zu militärischen Macht- und Entscheidungspositionen ist bis heute weitgehend Männern vorbehalten. Militarismus ist wie es schon von der Frauenbewegung während des 1. Weltkrieges formuliert wurde ein «Kult der Männergewalt durch Waffenüberlegenheit», eine Stütze des Patriarchats und damit Gegenspieler der Frauenbefreiung.
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Militarisierte MännlichkeitIn den Armeen dieser Welt wird über eine Vielzahl von Ritualen ein männlicher Konsens über das Wesen des Weibes entwickelt und damit die angemessene männliche Art, Frauen zu beherrschen, durchgesetzt. Zu diesen Ritualen gehören sexistische Witze, gemeinsame Bordellbesuche, systematische Diskriminierung von Homosexualität sowie die Sexualisierung von Waffen, etwa die Bezeichnung von Gewehren als «Braut des Soldaten». 1981 wurde publik, dass in der Schweizer Armee Schiessübungen auf nackte Papp-Frauenkörper durchgeführt wurden. Solche Rituale ermöglichen es den Männern, sich zunehmend von allem Weiblichen in sich selbst und ihrer Umgebung zu entfernen und dadurch eine Identität als Mann aufzubauen. Zum Aufbau des militärisch-männlichen Sozialcharakters lernt der junge Soldat beispielsweise über Disziplinierung und Abhärtung des Körpers einen kontrollierenden Umgang mit psychischen und emotionalen Situationen (z.B. Trauer, Angst) als eine Form von Männlichkeit kennen. Zu dieser Disziplinierung und Desensibilisierung gehört auch die Fixierung auf eine erobernde Sexualität. Der Phallus steht dabei nicht nur für sexuelle Lust, sondern vor allem für Macht und die Fähigkeit zur Unterwerfung auch all dessen, was als weiblich gilt. Sex als Ware und Sex als Beute sind zwei Erscheinungen, die Militär und Krieg seit Jahrhunderten begleiten. Massenhafte Vergewaltigungen nach Besetzungen gelten in patriarchal-militärischer Tradition als ein Recht des Siegers auf eine Demütigung der unterlegenen Gruppe. Dies hat der jüngste Krieg im ehemaligen Jugoslawien erneut ins öffentliche Bewusstsein gebracht. Die komplementären Stereotypen des kriegerischen, sprich gewaltvollen Mannes beziehungsweise der nährenden und gebärenden Frau fixieren letztere am unteren Ende der Machthierarchie. Mann-Sein heisst siegen können, Frau-Sein heisst gebären können: diese biologistische Sichtweise ist auch heute noch in vielen Köpfen wirksam. |
Die Konstruktion militarisierter Männlichkeit in der Ausbildung junger Männer zum Soldaten dient dem Erhalt der patriarchalen Kultur und wirkt auch im zivilen Leben weiter. Der Krieger galt durch die Jahrhunderte hinweg bis heute als die Inkarnation des Männlichen, des Mannes an sich.»1 So dienen Kriege auch der «Wiederherstellung von unsicherer, schwacher Männlichkeit.» (Astrid Albrecht-Heide, TaZ, 23.1.91).
Männerbünde sind zentraler Ausdruck und Reproduktionsort patriarchaler Verhältnisse. Dabei werden im militärischen Männerbund erlernte Elemente auch in zivilen Männerbünden (Fussballclubs, Schiessvereinen und Feuerwehren) wiederholt: In der Regel sind sie «hierarchisch strukturiert und geprägt von einer kontinuierlichen Abwertung des Weiblichen bei gleichzeitiger Aufwertung des Männlichen». Die allgegenwärtige Verachtung von Frauen, die offen-sexistischen Sprachformen, der massenhafte Konsum von Pornografie in der männlichen Kultur usw. sind ohne den Einfluss militärischer Sozialisation nicht erklärbar.
Als Ende der 80er Jahre in der Schweiz die erste GSoA-Initiative diskutiert wurde, rückte die Gruppe Tausende Frauen für eine umfassende Friedenspolitik und für die Abschaffung der Armee den friedenspolitischen Anspruch in den Vordergrund. Dahinter stand die Überlegung, dass die Abschaffung der Armee das Ziel einer friedlichen Gesellschaft ohne patriarchale Gewaltstrukturen allein nicht erreicht.
Das stimmt. Dennoch nöchte ich die Abschaffungsforderung stärker gewichten als es die Frauengruppe damals tat. Vor dem Hintergrund der bisherigen Überlegungen bin ich der Meinung, dass mit der Abschaffung des Militärs auch ein zentrales Hindernis für eine emanzipatorische Veränderung abgebaut wird. Die vom Militär gestützte patriarchale Macht- und Unterdrückungskonstellation würde ins Wanken gebracht.
Die GSoA tut daher gut daran, die Armeeabschaffung als ihr primäres Ziel weiter zu verfolgen. Will sie einen weitergehenden friedenspolitischen Prozess initiieren, muss sie diesem einen explizit antipatriarchalen Charakter geben. Das heisst, sie muss sich im Kontext ihrer neuen Initiativen für einen freiwilligen Zivilen Friedensdienst (ZFD) mit der alltäglichen Gewalt im hierarchischen Geschlechterverhältnis und mit der traditionellen Rollenverteilung auseinandersetzen. Ein Anfang dazu wurde mit der Diskussion um das Frauengutachten, mit diversen Artikeln in der GSoA-Zitig und mit dem September-Seminar in Bern gemacht.
Ein ZFD sollte Friedens-Rambos keine Spielwiese bieten. Er sollte vielmehr die Grundlagen für einen bewussten, gewaltfreien Umgang zwischen den Geschlechtern schaffen, eine Basis für den Abbau alltäglicher Männergewalt. Diesem antipatriarchalen Anspruch wird ein ZFD freilich nur dann gerecht, wenn sich entsprechende Fragestellungen wie ein roter Faden durch die vorgesehene Ausbildung ziehen.
Wie dies aussehen könnte, zeigt das auf zwölf Monate angelegte Curriculum für eine ZFD-Ausbildung in Deutschland. Besondere Beachtung finden dort die Analyse von Aspekten und Problemen der Geschlechterrollen (gender aspects) im Alltag sowie in Konflikt- oder Kriegssituationen. Beabsichtigt ist, Ziele für die politische Arbeit und konkrete Schritte für die eigene Lebenspraxis abzuleiten. Insbesondere soll aber das Thema Sexismus in der Ausbildungsgruppe, beispielsweise beim Sprech- und Kommunikationsverhalten, während der ganzen Ausbildung problematisiert werden.
Als friedensbewegte Feministin möchte ich dafür plädieren, das eine zu tun (antipatriarchale Politik voranbringen) und das andere nicht zu lassen (friedenspolitische Ideen entwickeln). Einzelne Initiativprojekte können nicht alle friedenspolitischen Zielsetzungen abdecken. Die GSoA-Initiativen sind erste Schritte zur Konkretisierung einer - wie im Initiativtext formuliert - «aktiven Friedenspolitik», in der ein freiwilliger Ziviler Friedensdienst und dessen antipatriarchale und nichtsexistische Stossrichtung eine zentrale Rolle spielen.
Mit einer öffentlichen Debatte über den gleichberechtigten Zugang zum ZFD von Frauen und Männern sowie über ein antipatriarchales Ausbildungskonzept lässt sich die alltägliche Gewalt von Männern im Geschlechterverhältnis erneut ins kollektive Bewusstsein rufen. Zu einer solchen Debatte gehört unbedingt auch die Forderung nach einer gesetzlichen Verankerung sozialpolitischer Rahmenbedingungen, die auch Frauen einen ungehinderten Zugang zu Ausbildung und Einsätzen im ZFD ermöglichen. Konkret betrifft dies die Regelung der Kinder- und Altenbetreuung sowie des Lohnersatzes.
Die Initiativen für die Abschaffung der Armee und für einen ZFD werden das patriarchale Denken in der Schweiz in dreifacher Weise irritieren: Erstens wird internationale Hilfe nicht mehr automatisch nach dem militarisierten Muster des Ordnung-Schaffens gedacht werden können. Den TeilnehmerInnen einer ZFD-Ausbildung soll demgegenüber vermittelt werden, wie Menschen die Konfliktregelung wieder selbst in die Hand nehmen. Sie sollen die Regelungsallmacht von Staaten und Organisationen hinterfragen und eigene Kompetenzen erwerben.
Dem ZFD liegt zudem und das ist der zweite Punkt ein Konfliktverständnis zugrunde, das männerdominiertes, technizistisches Denken aufweichen kann. Während gewaltbereite Konfliktmodelle, die von schematischem Freund-Feind-Denken ausgehen, ein Nullsummenspiel zwischen Sieg und Niederlage vorsehen, will die anti-patriarchale, gewaltfreie Konfliktbearbeitung für alle Beteiligten möglichst viele gemeinsame neue Lebensperspektiven gewinnen. Männlich-militärische Allmachtsphantasien und technokratisches Sicherheitsdenken können auf der Grundlage eines solchen Konfliktverständnisses nicht gedeihen.
Drittens kann ein ZFD die Wahrnehmung unserer eigenen, innergesellschaftlichen Konflikte und damit die politische Kultur unserer Gesellschaft radikal verändern. Werden Gewaltpotentiale über Instanzen der Zivilgesellschaft bearbeitet, unterminiert dies die patriarchalen Sozialisationsmuster, die der Gewaltbereitschaft zugrunde liegen. Ein so gestalteter ZFD eröffnet Perspektiven für ganz praktische Formen der zivilen Solidarität. Der Weg ist das Ziel.
Der ZFD ist kein Allheilmittel und nicht frei von Risiken. Ebensowenig schafft er die strukturelle Ungerechtigkeit zwischen Männern und Frauen und die alltägliche Gewalt der Männer gegen Frauen ab. Die Idee des ZFD birgt jedoch Potentiale für den Aufbau einer neuen Konfliktkultur. Formen gewaltfreier Konfliktaustragung, die weder verletzen noch zerstören oder Rachegefühle wecken, können den Raum für nicht-hierarchische Strukturen und nicht-autoritäre Verhaltensweisen erweitern.
Der ZFD ist in diesem Sinn Teil einer aktiven Friedenspolitik und zudem eine ganz konkrete Alternative zum idenditätsstiftenden Männerbund Militär auf dem langen Weg zu einer entmilitarisierten Gesellschaft. Nun geht es für die GSoA darum, in den öffentlichen Debatten um Armeeabschaffung und ZFD der militarisierten Männlichkeit, der Männergewalt gegen Frauen und männlichen Allmachtsphantasien den Boden zu entziehen.
1) Die Zitate stammen, wenn nicht anders vermerkt, aus: Uli Wohland, Thesen zu Militär und Männlichkeit, Graswurzelrevolution 131/1989.
Renate Wanie ist hauptamtliche Mitarbeiterin in der Werkstatt für Gewaltfreie Aktion, Baden. Der vorliegende Artikel ist eine überarbeitete Version ihres Ende September 97 am GSoA-Seminar gehaltenen Referats.