Die aktuelle Situation der Kosovo-Roma und die Haltung der Schweiz

Seit dem Frühjahr 1999 wurden rund 120'000 der ca. 150'000 im Kosovo lebenden Roma vertrieben und verdrängt. Die Zurückgebliebenen leiden auch heute noch unter massiver Einschränkung der Bewegungsfreiheit, Mangelernährung und medizinischer Unterversorgung. Das Rückkehrrecht der Vertriebenen und die Menschen- und Minderheitenrechte der Verbliebenen drohen unter die Räder der angelaufenen Statusverhandlungen zu geraten. Dies nicht zuletzt aufgrund der unverständlichen Tatsache, dass die Roma bis heute von den Statusverhandlungen ausgeschlossen bleiben. In diesem Zusammenhang stellt sich auch die Frage einer spezifischen Verantwortung der Schweiz. Müsste nicht die direkte Teilnahme der vergessenen Minderheiten an den Statusgesprächen nicht mit noch mehr Nachdruck gefordert werden? Welche Möglichkeiten bestehen, um die Rückkehr, Integration und Sicherheit von Angehörigen ethnischer Minderheiten, insbesondere der Roma, im Kosovo wirksam zu unterstützen? Und wie sollte die Schweiz nach einem Abschluss der Statusgespräche ihr entwicklungspolitisches Engagement im Kosovo mit der Frage der Minderheitenrechte verknüpfen?

Paul Polansky:

Paul Polansky, geb. 1942 in Iowa/USA, setzt sich seit den neunziger Jahren als Menschenrechtsaktivist, Dichter, Schriftsteller und Journalist unermüdlich für Roma ein. Erst in Tschechien, seit 1999 im Kosovo, wo er die Mission der Gesellschaft für bedrohte Völker sowie ein eigenes Hilfswerk, die „Kosovo Roma Foundation“, leitet. Er lebte 1999 als einziger Ausländer mit den nach dem Krieg brutal vertriebenen Roma in einem Auffanglager in der Nähe von Pristina. Seit 2005 gilt sein Einsatz vor allem denjenigen Roma, die im Nordkosovo in Elendslagern langsam an Bleivergiftung sterben, ohne dass die UNO-Verwaltung die notwendigen Massnahmen ergreift. Im Dezember 2004 durfte Polansky auf Vorschlag von Günter Grass den Menschenrechtspreis der Stadt Weimar entgegennehmen.

Zum Film „Gypsy Blood“:

(Paul Polansky, Daniel Lanctot, Serbien und Montenegro, 2005 (englisch)) Nach Ende des Krieges im Kosovo 1999 wurden in unmittelbarer Nähe bleiverseuchter Abraumhalden einer Mine Flüchtlingslager für Roma-Gemeinschaften errichtet. Ursprünglich als kurzfristige Übergangslösung gedacht, sind die unter UNMIK-Verantwortung stehenden Lager Cesmin Lug, Kablare und Zitkovac faktisch in ein nunmehr seit über sechs Jahren andauerndes „Provisorium“ umgewandelt worden. Seit der Errichtung der Lager ist bekannt, dass der Aufenthalt in diesem bleiverseuchten Gelände verheerende Auswirkungen auf die Gesundheit der Flüchtlinge hat. Dennoch wurden diese Lager, in denen gegenwärtig noch immer rund 560 Roma leben, nicht evakuiert. Wiederholte Warnungen der WHO, des IKRK und der Gesellschaft für bedrohte Völker haben bislang zu keinerlei substantiellen Verbesserungen der Situation geführt. Der UNO-Sonderbeauftragte für Kosovo, Kai Eide, hat in seinem letztjährigen Bericht zur Lage im Kosovo diese Lager als „Schande sowohl für die Regierungsbehörden wie auch für die internationale Gemeinschaft“ bezeichnet. Der kurze Dokumentarfilm von Paul Polansky zeigt eindrücklich die unhaltbare Situation der Roma-Flüchtlinge in diesen Lagern und löst viele Fragen aus hinsichtlich der unbegreiflichen Passivität der internationalen Organisationen.