| 14. April 1999 | |
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Nachfolgend der Text, den Markus Lohr auf der Grundlage seines Telefongespräches mit Baton Haxhiu geschrieben hat. Er erscheint am Donnerstag, 15. April 1999, in der BaslerZeitung BaZ. Wo sind die politischen Repräsentanten der Kosovo-Albaner? Gespräch mit Baton Haxhiu, Chefredaktor der grössten kosovo-albanischen Tageszeitung «Koha Ditore», über das Fehlen einer politischen Führung und die Zukunft des Kosovo.Am 29. März hatte ein Nato-Sprecher in Brüssel seinen Tod gemeldet. Nach der Teilnahme an der Beerdigung des Rechtsanwaltes Bajram Kelmendi, der in Pristina zusammen mit seinen beiden Söhnen entführt und getötet worden war, sei Baton Haxhiu einem serbischen Exekutionskommando zum Opfer gefallen. Gemeinsam mit ihm sei auch Fehmi Agani, der Chefunterhändler von Albanerführer Ibrahim Rugova, umgebracht worden. Baton Haxhiu, Chefredaktor der bedeutendsten kosovo-albanischen Tageszeitung «Koha Ditore», hörte die Nachricht von seinem angeblichen Tod in einem Versteck in Pristina am Radio. Auf welchen Wegen die Falschmeldung in die Nato-Zentrale gelangte, weiss er bis heute nicht. Nach dem ersten Schock sei ihm aber klar geworden, dass er nun als Totgeglaubter sicherer sei. Wenige Tage später gelang ihm die Flucht nach Mazedonien, indem er sein Äusseres veränderte und sich als Ehemann einer Frau ausgab, die mit ihrem Kind ebenfalls aus Pristina floh. Kaum zuverlässige InformationenOb auch Fehmi Agani noch am Leben ist, weiss Baton Haxhiu nicht. Gemeinsam mit einem Grossteil seiner Mitarbeiter von «Koha Ditore» hält sich Haxhiu zurzeit in der westmazedonischen Stadt Tetovo auf. Bei einem Telefongespräch, vermittelt durch die Schweizer Organisation «Medienhilfe Ex-Jugoslawien», sagt Haxhiu, dass es nur wenige zuverlässige Informationen über das Schicksal der politischen Repräsentanten der Kosovo-Albaner gebe. Einige seien nach Mazedonien, andere nach Albanien geflohen. Mit Sicherheit wisse er, dass Veton Surroi, prominenter Publizist und Mitglied der albanischen Verhandlungsdelegation bei den Friedensgesprächen in Rambouillet, nach wie vor im Kosovo sei. Auch die meisten anderen Delegationsmitglieder von Rambouillet hielten sich weiter in den von der «Kosovo-Befreiungsarmee» (UCK) kontrollierten Gebieten auf. Genauere Angaben dazu will Haxhiu «aus Sicherheitsgründen» nicht machen. Rugova «politisch tot»Den gemässigten Albanerführer Ibrahim Rugova hält Baton Haxhiu für «politisch tot». Nach der «Demütigung» durch den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, der Rugova am 1. April in einem Propaganda-Coup in Belgrad vorgeführt hatte, gebe es für ihn keine politische Zukunft mehr. Daran ändere auch die Tatsache nichts, dass Rugova alles andere als freiwillig mit Milosevic zusammengetroffen war. In der letzten Ausgabe des Nachrichtenmagazines «Der Spiegel» hat die Korrespondentin Renate Flottau als Augenzeugin beschrieben, wie Rugovas Haus in Pristina am 31. März von serbischer Spezialpolizei besetzt wurde. Seither stehen der Albanerführer und seine Familie als Geiseln des Milosevic-Regimes in Pristina unter Hausarrest. Schon vor Beginn der Nato-Angriffe gegen Jugoslawien gab es im Kosovo keine klare politische Führung. Unterdessen hat sich dieses Problem weiter verschärft. «Nur die UCK spricht, aber sie repäsentiert nur einen Teil der Kosovo-Albaner», sagt Baton Haxhiu. Hinzu komme, dass sich auch innerhalb der UCK verschiedene, in sich zerstrittene Fraktionen gegenüberstehen. In Zukunft müssen im Kosovo «neue politische Strukturen» aufgebaut werden, ist Haxhiu überzeugt. Denkbar sei dies allerdings nur dann, wenn Kosovo zu einem «Protektorat unter dem Schutz einer internationalen Friedenstruppe» werde. Erste Aufgabe dieser Friedenstruppe müsse es sein, «alle Seiten zu entwaffnen». Nur unter dieser Voraussetzung könne es möglich werden, demokratische Prinzipien zu verwirklichen und in Wahlen eine neue politische Führung zu bestimmen. Zeitung aus dem ExilIm Exil setzt Baton Haxhiu mit seinen Mitarbeitern gegenwärtig alles daran, die Tageszeitung «Koha Ditore» bald wieder herauszugeben. Nach der vollständigen Zerstörung der Redaktion und der Druckerei in Pristina muss man nun in Mazedonien improvisieren. Rein technisch halte er es für möglich, mit einer Exil-Ausgabe von «Koha Ditore» bereits in der nächsten Woche zu erscheinen, sagt Haxhiu. Dem steht allerdings ein politisches Problem entgegen: Die Zustimmung der mazedonischen Behörden, die den Zustrom albanischer Flüchtlinge mit Argwohn beobachten, steht bis jetzt noch aus. «Koha Ditore» hatte immer wieder entschieden und am Ende geradezu begeistert ein Eingreifen der Nato in den Kosovo-Konflikt gefordert. Hatte man dabei auch mit der brutalen Reaktion von Milosevic gerechnet? Baton Haxhiu räumt ein, dass ihn die «monströse Politik» des jugoslawischen Präsidenten überrascht hat: «Ich hätte nie gedacht, dass er alle Albaner aus dem Kosovo vertreiben will.» Jetzt erst recht aber steht für Haxhiu fest: «Die Nato-Schläge gegen Milosevic müssen fortgesetzt werden.» Markus Lohr |
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