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16. April 1999 |
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Medienkriegvon Lorenz Keiser* Wenn es Nacht wird über der Adria, steigen die Nato-Flieger auf und bombardieren Jugoslawien. Wenn es Morgen wird über der Schweiz, rufen die Redakteure an und fragen, was man davon hält. Dieser Umstand versetzt uns in die Lage, bald täglich zu lesen, was Pepe Lienhard oder Otto "Warenposten" Ineichen vom Balkankrieg halten. Wer in der Schweiz ein Lied singen, die "Tagesschau" vorlesen oder einen Marathon laufen kann, wird gnadenlos zum Meinungsdienst eingezogen, und was ein rechter Promi ist, hat eine Meinung, beziehungsweise etwas, was er dafür hält. Nur, wollen wir wirklich wissen, was Franco Knie von den Deportationen hält? Ob Polo Hofer für die Bombardierung ist? Wie man, laut Florian Ast, dem Kriegselend begegnen kann? Nämlich so: "Gute Musik hören und daran glauben, dass dieser Mist endlich vorbei ist." Was ist schlimmer, der Krieg im Balkan oder dass Florian Ast sich dazu äussert? Die Frage ist natürlich falsch gestellt. Richtig lautet sie: Warum machen Medien sowas? Wie kann die konventionelle "Blick"-Umfrage derart eskalieren, dass "Facts" nach nur 20 Kriegstagen bereits die besonders grausame Form der Multiple-choice-Befragung einsetzt? Was treibt Journalisten an, die solches tun? "Der Wunsch, dass die Welt nicht die Augen verschliessen möge", wie der "Facts"-Chefredaktor im eigenen Editorial ganz richtig schreibt. Es sind denn auch weniger die Augen als vielmehr die Ohren, die man verschliessen möchte, wenn sein dergestalt angetriebener Journalist anruft und die Ankreuzfragen herunterbetet. Das in Aussicht gestellte "kurze Statement" überlasse ich auch hier lieber anderen, die mehr zu sagen haben als ich. Zum Beispiel Monika Kissling, die dann im Heft zu berichten weiss, dass "aus astrologischer Sicht der Konflikt unausweichlich" war. Es ist sicher hilfreich, einen derart astronomischen Knall zu haben, um die Bilder des Flüchtlingselends leichter ertragen zu können. Nur fragt sich, ob vor solchem Meinungselend die Welt nicht besser doch die Augen verschliessen möge. Doch wenn der Blick von den Spalten der Heftli sich dann wieder nach Jugoslawien richtet und damit auf die fällt, die von Politik etwas verstehen sollten, weil sie hauptberuflich weder Saxophon spielen noch Elefanten dressieren; und wenn das Ohr dann hört, was die an Meinungen und taktischen Ansichten so von sich geben, ohne umfragemässig dazu genötigt worden zu sein, vom moralischen Autodidakten Clinton bis hin zu unseren nationalen Politlaien Cotti, Villiger und Couchepin angesichts der Rückkehr von Frau Dreifuss, dann dämmert einem, dass die Dummbrummerei gar kein Privileg der Promis ist, und das Gefrage der Journis mithin nicht grundsätzlich falsch, sondernnur mit verkehrten Vorzeichen stattfindet. Und so gesehen wäre es vielleicht besser gewesen, von allem Anfang an Jamie Shea, David Wilby und Javier Solana die Umfragespalten füllen zu lassen, während Florian Ast, Monica Kissling und ich die Balkankrise gelöst hätten. Schlimmer gekommen wäre es ganz sicher nicht. |
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