"Ohne Abkommen ist Krieg unausweichlich"
Das letzte Interview mit Professor Fehmi Agani in Pristina
"Ein Abkommen bedeutet das Ende aller serbischen Ansprüche und Illusionen im Kosovo. Aber die Albaner werden die jugoslawische Staatshoheit nur anerkennen, wenn die Nato wirklich kommt."
Zwei Wochen vor Beginn der Nato-Bombardierungen stand Pristina auf des Messers Schneide. Die Albaner standen kurz davor, das Abkommen von Rambouillet zu unterschreiben. Würde es damit gelingen, der serbischen Vertreibungspolitik ein Ende zu setzen? Professor Fehmi Agani, Ibrahim Rugovas Stellvertreter in der Demokratischen Liga des Kosova LDK und Mitglied der albanischen Verhandlungsdelegation in Rambouillet gab Mitte März ein Interview, das eines seiner letzten sein sollte. Weisshaarig und im frisch gebügelten Anzug sass er auf der Dachterrasse seines Lieblings-Kaffees im Zentrum Pristinas und äusserte sich über die Möglichkeiten und Gefahren einer neuen Welle der Gewalt.*
Sind Sie optimistisch, dass in den nächsten Wochen eine positive Lösung möglich ist?
Fehmi Agani: Es gibt nicht viel Grund zu Optimismus, aber wir können es uns nicht leisten, pessimistisch zu sein.
Welches sind die Probleme im Abkommen von Rambouillet?
Für die Serben ist das Problem, dass das Abkommen das Ende aller serbischen Ansprüche und Illusionen im Kosovo bedeutet. Sie wollen Kosovo immer noch in Serbien halten, auch wenn das heute nicht mehr der Realität entspricht und zwei Millionen Menschen es nicht mehr wollen. Viele Leute in Serbien verstehen das heute nicht. Aber schon morgen werden viel mehr es verstehen. Es fällt Serbien sehr schwer, es zu akzeptieren, aber es ist noch schwerer, das zu verneinen. Darin liegt unsere Hoffnung.
Für die Albaner liegt die Schwierigkeit darin, die Integrität und Souveränität Jugoslawiens anzuerkennen. Jugoslawien wird weiterhin wichtige Machtbereiche innehaben. Und Serbien ist weiterhin in der Verfassung vorhanden. Diese symbolische Anerkennung ist sehr wichtig, denn unser Ziel ist die Unabhängigkeit. Wir fühlen, dass es für uns in Serbien oder Jugoslawien keine Zukunft gibt. Aber wenn die Albaner sicher sind, dass die Nato wirklich kommt, werden sie die jugoslawische Staatshoheit anerkennen.
Was wird die Rolle des Westens sein?
Das Abkommen sieht eine Art Protektorat vor und es hat nur wirklich eine Chance, wenn eine internationale Macht, eine Nato-Truppe stationiert wird. Der jugoslawische Präsident Slobodan Milosevic sagt zwar, dass Serbien und seine Verfassung als Rahmen genügen, um das Abkommen umzusetzen. Aber ohne Nato wird das unmöglich sein. Wer sonst soll denn die zwei Armeen auseinanderhalten? Wer sonst kann den Frieden erzwingen?
Die Möglichkeit bleibt, dass Pristina zum ersten Mal seit vielen harter Zeiten zu einem radikal anderen Ort wird.
Früher, vor allem von 1974 bis 1990, hatten wir hier ein gutes Leben. Die Albaner haben dominiert, weil sie Teil Jugoslawiens waren und nur dem Namen nach zu Serbien zählten. Sie verfügten über substanzielle Autonomie. Kosovo konnte in der jugoslawischen Föderation gleichwertig wie die Republiken teilnehmen. Es hatte sein Parlament, seine Verfassung und sein oberstes Gericht, sein Verfassungsgericht und seine finanzielle Unabhängigkeit. Das wichtigste Gremium war das jugoslawische Präsidium und Kosovo war dort mit einer Person vertreten, gleich wie Serbien oder Kroatien. Im jugoslawischen Parlament hatten die Albaner ein Vetorecht. Nichts konnte damit ohne sie entschieden werden. Kosovo war eine Art stabiler Staat.
Jetzt ist die Lage hier dagegen abnormal. Im Erziehungswesen zum Beispiel haben wir Schulen in ganz Kosovo, die vollständig leerstehen. Die Albaner brauchen Schulräume, aber sie dürfen diese Schulhäuser nicht betreten. Wir haben die Serben sogar gefragt, ob wir sie in Nachmittags-Schichten benutzen dürften, aber sie haben abgelehnt. Können Sie sich vorstellen? Sportstadien sind auch für Serben reserviert. Kann jemand eine so irrationale Politik verstehen?
In Pristina selber spürt man diese Diskriminierung nicht so sehr, weil 70 Prozent oder mehr der Bevölkerung Albaner sind und sie ihr eigenes Leben entfalten. Aber bei den Behörden oder der Polizei sieht man nur Serben. Es gibt eine effektive Besatzungsmacht und wir können nicht mehr in Serbien bleiben. Wenn das Abkommen angenommen wird, sollte diese Situation viel, viel besser werden.
Aber alle, selbst die USA, widersetzen sich einer Unabhängigkeit.
Das ist im Moment auch verständlich. Aber niemand hat das Recht oder gute Gründe, sich unserer Unabhängigkeit entgegenzustellen.
Sie haben Angst vor einer Destabilisierung der Region, für Mazedonien, Angst vor einer Veränderung der Grenzen...
... aber das wäre keine Änderung der Grenzen. In Jugoslawien war Kosovo eine konstituierender Bestandteil mit klar festgelegten Grenzen. Dieses Jugoslawien gibt es nicht mehr. Und wie die anderen Staaten – Kroatien, Bosnien, Slowenien, Mazedonien – sollte auch Kosovo das Recht haben, über seinen Status zu entscheiden. Wir sind keine separatistische Bewegung. Wir sagen ganz einfach, dass wir Jugoslawien nicht akzeptieren. Jugoslawien ist heute ein neuer Staat und es ist nicht unser Staat. Er heisst Jugoslawien nur dem Namen nach. In Wirklichkeit ist dieser neue Staat Serbien.
Aber die Hoffnungen auf Veränderung begründen sich heute auf die Kosovo Befreiungsarmee UÇK und nicht auf die Demokratische Liga des Kosovo LDK.
Das denke ich nicht. Die wirkliche Niederlage Serbiens war die politische, die ihr die LDK zugefügt hat. Das hat nicht genügt, aber die UÇK ist in einem Moment aufgetaucht, als die serbische Präsenz in Kosovo schon sehr seltsam war. Der Boden war für sie vorbereitet. Es gibt eine Verbindung zwischen der Zeit der LDK und derjenigen der UÇK.
Worin bestand diese politische Niederlage? Was war der albanische "Sieg"?
Serbien kann keine Albaner in seine Armee rekrutieren. Es kann uns nicht in seine Kriege verwickeln. Es kann keine Volkszählungen hier durchführen. Serbien wurde in Kosovo auf seine Polizei und seine Armee und seine Gewalt reduziert. Politisch war Serbien in Kosovo völlig isoliert und hatte keinerlei Unterstützung in irgendwelchen Teilen der albanischen Gesellschaft.
Und jetzt ist die Zeit der UÇK?
Auf eine Art schon, aber nur für kurze Zeit. Die Probleme können von der UÇK nicht gelöst werden, auch wenn sie an der Lösung teilnehmen muss. Aber die anderen Teile der Gesellschaft, vor allem die LDK, werden auch eine Rolle spielen. Die LDK hat beispielsweise ein System relativ unabhängiger Institutionen wie Schulen geschaffen, die sehr wichtig sein werden.
Aber vor allem junge Albaner sind heute radikalisiert. Sie sagen, die LDK habe versagt und ihre pazifistische Strategie sei ein Fehler gewesen. Die Gewalt dagegen sei erfolgreich.
Ja, aber diese Theorie wurde noch nicht getestet. Man muss die gesetzten Ziele mit dem Erreichten vergleichen. Mehr als 2000 Menschen wurden getötet, 5000 verletzt und mehr als 50'000 Menschen mussten flüchten. Eine Zeit lang hatten wir 400'000 intern Vertriebene. 40'000 Häuser wurden niedergebrannt. Das sind enorme Kosten. Und dieser Preis wurde fast ausschliesslich von den normalen Menschen bezahlt. Menschenrechtsorganisationen sagen, dass 95 Prozent der Getöteten Albaner Zivilpersonen sind und ganze 5 Prozent Kämpfer der UÇK. Ich will die Erfolge der UÇK nicht schmälern, aber ich bin gegen Euphorie.
Was kommt als nächstes?
ein protektorat.wenn ein abkommen erreichtwird es wirkliche institutionen geben und politik. ist unmglich zu sagenwas geschieht nicht einem kommt: entweder verbleiben in serbien oder krieg beides unannehmbar.auf der einen seite haben wir die jugoslawische armee anderen 20mann uk. ohne frher spter unausweichlich.
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* Das Interview mit Fehmi Agani führte Anthony Bordon, Direktor des "Institut for War and Peace Reporting" IWPR. Die Bearbeitung und Übersetzung besorgte Roland Brunner für die Medienhilfe Ex-Jugoslawien, einer Schweizer Projektpartnerin der IWPR.
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