Kosov@/Nato 10. Juni 1999

Berichterstattung zum Krieg - Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien "Wer ist schon unabhängig...?"

1. Wie garantiert die Medienhilfe Ex-Jugoslawien bei ihrer eigenen Berichterstattung professionelle, unabhängige Information?
Es wird heute viel von "information warfare" gesprochen, d.h. von der Kriegsführung mit (Des-)Information. Tatsächlich ist die Verfügungsgewalt darüber, was bekannt und was verschwiegen wird, die Macht über die Bilder an den Bildschirmen, in den Zeitungen und in den Köpfen der Menschen, schon seit langem Teil der Kriegsführung. Um die Qualität einer Information zu prüfen, gilt es deshalb immer zuerst die Frage nach der Quelle der Nachricht zu stellen: Wer informiert und wie eng ist diese Quelle mit einer Kriegspartei verflochten? Welche Interessen verfolgt diese Quelle über das Verbreiten von Information hinaus? Wie weit ist sie in die taktische und strategische Kriegsführung der jeweiligen Seite verwickelt? Das Wissen um die Herkunft einer Information ermöglicht die Distanz zur Nachricht selber. Dann gilt es, und das ist wohl Teil des kleinen Einmaleins des Journalismus, die erhaltene Information zu überprüfen, indem weitere Quellen verschiedenster Herkunft verglichen werden und allenfalls abweichende Informationen und Interpretationen nebeneinander stehen zu lassen, wo eine eigene Abklärung nicht möglich ist. Soweit zur Frage nach der Professionalität der Informationsbeschaffung.

Die Frage nach der Unabhängigkeit ist schwieriger zu beantworten. Wer ist schon unabhängig? Alle hängen von irgend etwas ab, und wenn es "nur" die Auflagezahlen der eigenen Zeitung und die Einschaltquoten des eigenen Senders sind. Es gilt auch hier, diese Abhängigkeit transparent zu machen und sie soweit als möglich für die Berichterstattung auszuschalten. Zudem gibt es verschiedene Formen der Abhängigkeit. Es ist ein wichtiger Unterschied, ob jemand direkt finanziell und politisch von einer kriegsführenden Partei abhängig ist - da bleibt wenig Spielraum für Unabhängigkeit - oder ob es eine ideelle "Abhängigkeit" im Sinne einer politischen oder moralischen Verpflichtung ist. Auch wir als Medienhilfe Ex-Jugoslawien und unsere ProjektpartnerInnen sind in diesem Sinne "abhängig". Wir haben uns Werten eines professionellen Journalismus verpflichtet, der nicht nach der ethnischen Zugehörigkeit und den politischen Interessen der agierenden Mächte fragt, sondern der sich für Menschen- und Minderheitenrechte, für Demokratie, Pluralismus, Meinungs- und Medienfreiheit und gegen ethnischen Nationalismus und kriegerischen Chauvinismus einsetzt. Die Qualität unserer Quellen im ehemaligen Jugoslawien lässt sich daran erkennen, dass diese Menschen sich seit Jahren für die Werte einsetzen, die der Westen auf dem Papier zu den wichtisten Werten erklärt hat. MedienpartnerInnen, die sich seit Jahren nicht scheuen, ihre eigene Regierung und Machthaber mit professioneller Berichterstattung und Kommentaren zu konfrontieren, verdienen auch in der heutigen Kriegszeit höheres Vertrauen als die Medien, die immer kritiklos nach der einen oder anderen Pfeife tanzen.

2. Welche Informationsquellen könnten zum Krieg um den Kosovo ausgeschöpft werden?
Jede Kriegspartei hat ihre eigene Propagandaabteilung, die "Informationen" anbieten. Das serbische Innenministerium und das serbische Medienzentrum in Pristina, die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK mit ihrer Nachrichtenagentur, die Nato mit ihren täglichen Pressekonferenzen und Bulletins. Vor Ort im Kosovo selber sind nur die serbischen Regierungsquellen und die UCK-Dienste. Die Nato verlässt sich in ihrer Berichterstattung zum einen auf die Beobachtung aus der Luft (Satelliten, unbemannte Drohnen, bemannte Aufklärungsflüge), zum anderen aber auch auf die UCK-Berichte. Ausländische JournalistInnen und unabhängige Medienschaffende von serbischer und kosovo-albanischer Seite haben sehr eingeschränkte Möglichkeiten, sich vor Ort selber ein Bild zu machen. Häufig sind sie auf die organisierten Propagandafahrten der serbischen Regierung angewiesen oder müssen im Schlepptau der UCK-Kämpfer von Albanien her ins UCK-kontrollierte Gebiet infiltrieren.

Auch im Ausland verfügen die beiden kriegsführenden Parteien über Nachrichtendienste und "Institute", die mehr oder weniger offen die eine oder andere Seite mit Analysen und Kommentaren stützen.

3. Gibt es seriöse Internetquellen?
Was heisst schon seriös? Für Internet gilt das gleiche wie für alle anderen Quellen: Man muss wissen, woher die Informationen kommen und welche Interessen hinter dieser Information stecken. Auch im Cyberspace finden wir die jugoslawische Regierung, die UCK, die Nato... Die meisten grossen Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen haben spezielle Kosovo-Seiten eingerichtet, auf denen die laufende Berichterstattung zugänglich ist. Zusätzlich findet im Internet aber auch eine breite Diskussion über den Krieg des serbischen Regimes um den Kosovo und über den Krieg der Nato gegen Jugoslawien sowie über seine Folgen statt. Es gibt Internet-Seiten, die selber wieder nur aus Hunderten von Links bestehen, die zu anderen Informationsanbietern führen. Einige solcheDiskussionseiten, die es sich auszuprobieren lohnt, und Seiten mit Kartenmaterial zum Kosovo sind:

Wer über die Suchmaschinen (empfehlenswert ist der Meta-Crawler Cyber411 unter www.cyber411.com (4.3.2003: site existiert nicht mehr)) einfach nur nach "KOSOVO" sucht, wird mit tausenden von Angeboten überschwemmt. Wichtig ist, dass man weiss, wonach man sucht und bei wem man suchen will. Vielleicht lohnt sich ja auch ein Blick auf die Seiten der Medienhilfe Ex-Jugoslawien unter http://www.medienhilfe.ch. Hier finden sich auch die Links zu unseren ProjektpartnerInnen in der Region: Radio/Fernsehen 21 (http://www.radio21.net), die Homepage des Belgrader Senders B92 im Exil (http://www.freeB92.net) oder die Hintergrundseiten aus Montenegro (http://www.montenegro.com), die alle auch über englischsprachige Dienste verfügen.

4. Wie erlebt ihr die Berichterstattung in den Medien? Gibt es positive/negative Beispiele?
Die Berichterstattung und die Kommentare haben ein solches Ausmass angenommen, das sie kaum seriös beurteilt werden können ohne eine wissenschaftliche Untersuchung. Eigentlich müssten sich MedienwissenschaftlerInnen und PolitologInnen jetzt hinter ein "content analysing" machen, d.h. mit den Methoden der Diskursanalyse die Berichterstattung durchleuchten. Wenn ich die Berichterstattung kommentiere, dann sind dies eher einige Eindrücke.

Im grossen und ganzen scheint mir die Berichterstattung viel kritischer, ausgewogener, distanzierter zu sein, als dies noch beim Krieg in Bosnien der Fall war. Man scheint hier gelernt zu haben, dass es nicht einfach die Guten und die Bösen gibt, dass auf jeder Seite nicht homogene ethnisch-nationale Blöcke stehen. Immer wieder stosse ich auch in den grossen Mainstream-Medien auf Beiträge, die quer zur offiziellen Version und Interpretation des heutigen Krieges stehen.

Trotzdem ist die Gefahr gross - und einige Medien sind auch jetzt wieder in diese Falle getappt -, den Krieg zu reduzieren auf die Stereotype der guten Opfer und der bösen Täter, wobei diese Kategorien dann sofort ethnisch zugewiesen werden. Gefragt wird in solchen Beiträgen nicht mehr nach der individuellen und/oder kollektiven Verantwortung für konkrete Ereignisse, sondern es wird eine unteilbare Schuld auf die eine (meistens) oder andere (seltener) Seite geschoben. Zentral scheint mir, dass nur eine differenzierte, analytische Berichterstattung Hintergründe aufzeigen und Verständnis schaffen kann. Und nur wer versteht, was und warum etwas geschieht, wird in der Lage sein, über sinnvolle Lösungen nachzudenken.

5. Gibt es Berichterstattung, die nicht die Information, sondern politische Interessen im Vordergrund haben? Gibt es Beispiele?
Sicher sind sowohl die Informationen der serbischen Regierung, der UCK oder der Nato in erster Linie von ihren politischen Interessen bestimmt. Das sind ja nicht in erster Linie Medienorganisationen, sondern ihre Öffentlichkeitsarbeit ist Anhängsel ihrer militärischen Strukturen. Das gleiche gilt wohl in mehr oder minder grossem Masse für die Öffentlichkeitsabteilungen der westlichen und östlichen Regierungen und ihrer Ministerien. Dass die Aussagen von Madeleine Albright, Joschka Fischer oder Viktor Tschernomyrdin und ihrer Pressesprecher politisch motiviert sind, kann man diesen Leuten wohl kaum vorwerfen. Man muss es aber wissen. Auch in der Schweiz gibt es selbstverständlich eine politisch motivierte Öffentlichkeitsarbeit. Ob dies die Parteien sind, die auf dem Rücken der betroffenen Menschen ihre (Anti-)Flüchtlingspolitik promoten wollen oder ob es um Organisationen geht, die sich selber mehr oder weniger stark auf eine Kriegsseite eingelassen haben, auch hier hat Information keinen Selbstwert, sondern ist strategisches Gut zur Durchsetzung der eigenen Interessen.

6. Ist die Nato als Informationsquelle (beispielsweise bezüglich Verlässlichkeit) ähnlich einzustufen wie die Propaganda-Medien von Milosevic?
Auch die Nato hat immer wieder bewiesen, dass ihr die Kriegsführung wichtiger ist als die Information. Sie hat in mehreren Fällen Falschmeldungen veröffentlicht - beispielsweise über die Ermordung kosovo-albanischer Intellektueller -, die nachher zurückgenommen werden mussten. Insofern ist gegenüber den Nato-Quellen mindestens auch die nötige Distanz angesagt, die man gegenüber offiziellen serbischen oder kosovo-albanischen Quellen hält.

7. Welche Kriterien müssten erfüllt werden, um der Situation im Kosovo gerecht zu werden?
Ich wünsche mir eine kritisch-distanzierte, analytische Berichterstattung, die verschiedene Quellen, Interessen, Sichtweisen berücksichtigt und die möglichst keine Gelegenheit auslässt, selber Informationen zu beschaffen und zu überprüfen. Zudem wünsche ich mir einen Journalismus, der den engen Kontakt zu den Medienschaffenden vor Ort sucht, die in den letzten zehn Jahren bewiesen haben, dass ihnen professionelle Zusammenarbeit wichtiger ist als die ethnisch-nationalistische Politik der eigenen Seite. Wenn diese Grundsätze die Medienberichterstattung leiten würden, könnten die Menschen hier in der Schweiz mehr Verständnis für die ganze Region, für den Krieg und für die vertriebenen und geflüchteten Menschen aufbringen.

11. Juni 1999/uh,
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