Berichterstattung zum Krieg - Die Medienhilfe Ex-Jugoslawien
"Wer ist schon unabhängig...?"
1. Wie garantiert die Medienhilfe Ex-Jugoslawien bei ihrer eigenen Berichterstattung professionelle, unabhängige Information?
Es wird heute viel von "information warfare" gesprochen, d.h. von der
Kriegsführung mit (Des-)Information. Tatsächlich ist die Verfügungsgewalt
darüber, was bekannt und was verschwiegen wird, die Macht über die Bilder an
den Bildschirmen, in den Zeitungen und in den Köpfen der Menschen, schon
seit langem Teil der Kriegsführung. Um die Qualität einer Information zu
prüfen, gilt es deshalb immer zuerst die Frage nach der Quelle der Nachricht
zu stellen: Wer informiert und wie eng ist diese Quelle mit einer
Kriegspartei verflochten? Welche Interessen verfolgt diese Quelle über das
Verbreiten von Information hinaus? Wie weit ist sie in die taktische und
strategische Kriegsführung der jeweiligen Seite verwickelt? Das Wissen um
die Herkunft einer Information ermöglicht die Distanz zur Nachricht selber.
Dann gilt es, und das ist wohl Teil des kleinen Einmaleins des Journalismus,
die erhaltene Information zu überprüfen, indem weitere Quellen
verschiedenster Herkunft verglichen werden und allenfalls abweichende
Informationen und Interpretationen nebeneinander stehen zu lassen, wo eine
eigene Abklärung nicht möglich ist. Soweit zur Frage nach der
Professionalität der Informationsbeschaffung.
Die Frage nach der Unabhängigkeit ist schwieriger zu beantworten. Wer ist
schon unabhängig? Alle hängen von irgend etwas ab, und wenn es "nur" die
Auflagezahlen der eigenen Zeitung und die Einschaltquoten des eigenen
Senders sind. Es gilt auch hier, diese Abhängigkeit transparent zu machen
und sie soweit als möglich für die Berichterstattung auszuschalten. Zudem
gibt es verschiedene Formen der Abhängigkeit. Es ist ein wichtiger
Unterschied, ob jemand direkt finanziell und politisch von einer
kriegsführenden Partei abhängig ist - da bleibt wenig Spielraum für
Unabhängigkeit - oder ob es eine ideelle "Abhängigkeit" im Sinne einer
politischen oder moralischen Verpflichtung ist. Auch wir als Medienhilfe
Ex-Jugoslawien und unsere ProjektpartnerInnen sind in diesem Sinne
"abhängig". Wir haben uns Werten eines professionellen Journalismus
verpflichtet, der nicht nach der ethnischen Zugehörigkeit und den
politischen Interessen der agierenden Mächte fragt, sondern der sich für
Menschen- und Minderheitenrechte, für Demokratie, Pluralismus, Meinungs- und
Medienfreiheit und gegen ethnischen Nationalismus und kriegerischen
Chauvinismus einsetzt. Die Qualität unserer Quellen im ehemaligen
Jugoslawien lässt sich daran erkennen, dass diese Menschen sich seit Jahren
für die Werte einsetzen, die der Westen auf dem Papier zu den wichtisten
Werten erklärt hat. MedienpartnerInnen, die sich seit Jahren nicht scheuen,
ihre eigene Regierung und Machthaber mit professioneller Berichterstattung
und Kommentaren zu konfrontieren, verdienen auch in der heutigen Kriegszeit
höheres Vertrauen als die Medien, die immer kritiklos nach der einen oder
anderen Pfeife tanzen.
2. Welche Informationsquellen könnten zum Krieg um den Kosovo
ausgeschöpft werden?
Jede Kriegspartei hat ihre eigene Propagandaabteilung, die "Informationen"
anbieten. Das serbische Innenministerium und das serbische Medienzentrum in
Pristina, die kosovo-albanische Befreiungsarmee UCK mit ihrer
Nachrichtenagentur, die Nato mit ihren täglichen Pressekonferenzen und
Bulletins. Vor Ort im Kosovo selber sind nur die serbischen
Regierungsquellen und die UCK-Dienste. Die Nato verlässt sich in ihrer
Berichterstattung zum einen auf die Beobachtung aus der Luft (Satelliten,
unbemannte Drohnen, bemannte Aufklärungsflüge), zum anderen aber auch auf
die UCK-Berichte. Ausländische JournalistInnen und unabhängige
Medienschaffende von serbischer und kosovo-albanischer Seite haben sehr
eingeschränkte Möglichkeiten, sich vor Ort selber ein Bild zu machen. Häufig
sind sie auf die organisierten Propagandafahrten der serbischen Regierung
angewiesen oder müssen im Schlepptau der UCK-Kämpfer von Albanien her ins
UCK-kontrollierte Gebiet infiltrieren.
Auch im Ausland verfügen die beiden kriegsführenden Parteien über
Nachrichtendienste und "Institute", die mehr oder weniger offen die eine
oder andere Seite mit Analysen und Kommentaren stützen.
3. Gibt es seriöse Internetquellen?
Was heisst schon seriös? Für Internet gilt das gleiche wie für alle anderen
Quellen: Man muss wissen, woher die Informationen kommen und welche
Interessen hinter dieser Information stecken. Auch im Cyberspace finden wir
die jugoslawische Regierung, die UCK, die Nato... Die meisten grossen
Tageszeitungen und Nachrichtenagenturen haben spezielle Kosovo-Seiten
eingerichtet, auf denen die laufende Berichterstattung zugänglich ist.
Zusätzlich findet im Internet aber auch eine breite Diskussion über den
Krieg des serbischen Regimes um den Kosovo und über den Krieg der Nato gegen
Jugoslawien sowie über seine Folgen statt. Es gibt Internet-Seiten, die
selber wieder nur aus Hunderten von Links bestehen, die zu anderen
Informationsanbietern führen. Einige solcheDiskussionseiten, die es sich
auszuprobieren lohnt, und Seiten mit Kartenmaterial zum Kosovo sind:
Wer über die Suchmaschinen (empfehlenswert ist der Meta-Crawler Cyber411
unter www.cyber411.com (4.3.2003: site existiert nicht mehr)) einfach nur nach "KOSOVO" sucht, wird mit
tausenden von Angeboten überschwemmt. Wichtig ist, dass man weiss, wonach
man sucht und bei wem man suchen will. Vielleicht lohnt sich ja auch ein
Blick auf die Seiten der Medienhilfe Ex-Jugoslawien unter
http://www.medienhilfe.ch. Hier finden sich auch die Links zu unseren
ProjektpartnerInnen in der Region: Radio/Fernsehen 21
(http://www.radio21.net), die Homepage des Belgrader Senders B92 im Exil
(http://www.freeB92.net) oder die Hintergrundseiten aus Montenegro
(http://www.montenegro.com), die alle auch über englischsprachige Dienste
verfügen.
4. Wie erlebt ihr die Berichterstattung in den Medien? Gibt es
positive/negative Beispiele?
Die Berichterstattung und die Kommentare haben ein solches Ausmass
angenommen, das sie kaum seriös beurteilt werden können ohne eine
wissenschaftliche Untersuchung. Eigentlich müssten sich
MedienwissenschaftlerInnen und PolitologInnen jetzt hinter ein "content
analysing" machen, d.h. mit den Methoden der Diskursanalyse die
Berichterstattung durchleuchten. Wenn ich die Berichterstattung kommentiere,
dann sind dies eher einige Eindrücke.
Im grossen und ganzen scheint mir die Berichterstattung viel kritischer,
ausgewogener, distanzierter zu sein, als dies noch beim Krieg in Bosnien der
Fall war. Man scheint hier gelernt zu haben, dass es nicht einfach die Guten
und die Bösen gibt, dass auf jeder Seite nicht homogene ethnisch-nationale
Blöcke stehen. Immer wieder stosse ich auch in den grossen Mainstream-Medien
auf Beiträge, die quer zur offiziellen Version und Interpretation des
heutigen Krieges stehen.
Trotzdem ist die Gefahr gross - und einige Medien sind auch jetzt wieder in
diese Falle getappt -, den Krieg zu reduzieren auf die Stereotype der guten
Opfer und der bösen Täter, wobei diese Kategorien dann sofort ethnisch
zugewiesen werden. Gefragt wird in solchen Beiträgen nicht mehr nach der
individuellen und/oder kollektiven Verantwortung für konkrete Ereignisse,
sondern es wird eine unteilbare Schuld auf die eine (meistens) oder andere
(seltener) Seite geschoben. Zentral scheint mir, dass nur eine
differenzierte, analytische Berichterstattung Hintergründe aufzeigen und
Verständnis schaffen kann. Und nur wer versteht, was und warum etwas
geschieht, wird in der Lage sein, über sinnvolle Lösungen nachzudenken.
5. Gibt es Berichterstattung, die nicht die Information, sondern
politische Interessen im Vordergrund haben? Gibt es Beispiele?
Sicher sind sowohl die Informationen der serbischen Regierung, der UCK oder
der Nato in erster Linie von ihren politischen Interessen bestimmt. Das sind
ja nicht in erster Linie Medienorganisationen, sondern ihre
Öffentlichkeitsarbeit ist Anhängsel ihrer militärischen Strukturen. Das
gleiche gilt wohl in mehr oder minder grossem Masse für die
Öffentlichkeitsabteilungen der westlichen und östlichen Regierungen und
ihrer Ministerien. Dass die Aussagen von Madeleine Albright, Joschka Fischer
oder Viktor Tschernomyrdin und ihrer Pressesprecher politisch motiviert
sind, kann man diesen Leuten wohl kaum vorwerfen. Man muss es aber wissen.
Auch in der Schweiz gibt es selbstverständlich eine politisch motivierte
Öffentlichkeitsarbeit. Ob dies die Parteien sind, die auf dem Rücken der
betroffenen Menschen ihre (Anti-)Flüchtlingspolitik promoten wollen oder ob
es um Organisationen geht, die sich selber mehr oder weniger stark auf eine
Kriegsseite eingelassen haben, auch hier hat Information keinen Selbstwert,
sondern ist strategisches Gut zur Durchsetzung der eigenen Interessen.
6. Ist die Nato als Informationsquelle (beispielsweise bezüglich Verlässlichkeit) ähnlich einzustufen wie die Propaganda-Medien von
Milosevic?
Auch die Nato hat immer wieder bewiesen, dass ihr die Kriegsführung
wichtiger ist als die Information. Sie hat in mehreren Fällen
Falschmeldungen veröffentlicht - beispielsweise über die Ermordung
kosovo-albanischer Intellektueller -, die nachher zurückgenommen werden
mussten. Insofern ist gegenüber den Nato-Quellen mindestens auch die nötige
Distanz angesagt, die man gegenüber offiziellen serbischen oder
kosovo-albanischen Quellen hält.
7. Welche Kriterien müssten erfüllt werden, um der Situation im Kosovo
gerecht zu werden?
Ich wünsche mir eine kritisch-distanzierte, analytische Berichterstattung,
die verschiedene Quellen, Interessen, Sichtweisen berücksichtigt und die
möglichst keine Gelegenheit auslässt, selber Informationen zu beschaffen und
zu überprüfen. Zudem wünsche ich mir einen Journalismus, der den engen
Kontakt zu den Medienschaffenden vor Ort sucht, die in den letzten zehn
Jahren bewiesen haben, dass ihnen professionelle Zusammenarbeit wichtiger
ist als die ethnisch-nationalistische Politik der eigenen Seite. Wenn diese
Grundsätze die Medienberichterstattung leiten würden, könnten die Menschen
hier in der Schweiz mehr Verständnis für die ganze Region, für den Krieg und
für die vertriebenen und geflüchteten Menschen aufbringen.
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