| 11. Juni 1999 | |
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Zita Affentrantger im Tages-Anzeiger vom 11.6.99 Serbien helfen, nicht MilosevicVon Zita Affentranger Der Krieg ist gestoppt. Das kann man gar nicht hoch genug schätzen. Er ist aber noch nicht vorbei. Zuerst müssen die serbischen Verbände Kosovo vollständig verlassen und die Friedenstruppen schnell stationiert werden. Dies auch, um Rachefeldzüge in letzter Minute zu verhindern. Dann muss das Gebiet wieder bewohnbar gemacht werden, damit die Hunderttausende Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren können, wo viele nichts als verbrannte Erde und Tod vorfinden werden. Politisch sind in Kosovo derzeit viele Fragen offen. Welchen Status wird Kosovo mittelfristig erhalten? Wird sich die Kosovo-Befreiungsarmee UCK mit einer Autonomie innerhalb Jugoslawiens zufrieden geben oder wird sie ihren Kampf fortsetzen? Will die UCK gar ihre grossalbanischen Träume weiterverfolgen und damit die ganze Region destabilisieren? Klar ist derzeit nur, dass die internationale Gemeinschaft in Kosovo faktisch ein Protektorat errichten und für Sicherheit sorgen wird. Das verschafft eine Atempause, die es zweifellos brauchen wird, um die Wunden wenigstens oberflächlich heilen zu lassen. Der Westen stellt die Finanzhilfe bereit, die es in Kosovo für den Aufbau einer "Normalität" brauchen wird. Nächste Woche soll eine Geberkonferenz zusammentreten; der Friede wird noch einiges teurer werden als der Krieg. "Sieg" gegen den Rest der WeltDoch was passiert mit den "Verlierern" des Krieges, mit den Serben? Die Belgrader Führung verkauft ihre faktische Kapitulation als "Sieg" gegen den Rest der Welt. Die Menschen in Serbien, erleichtert über das Ende der Bombardemente, scheinen momentan durchaus geneigt, diese Version zu akzeptieren. Die serbische Führung steht da, als trage sie keinerlei Verantwortung oder gar Schuld an Krieg und Zerstörung. Im Schatten des Konflikts hat das Regime alle kritischen Stimmen in Medien, Bürger- und Studentenbewegungen sowie der Armee zum Schweigen gebracht. Der Krieg hat dann das seine dazu beigetragen, die Bevölkerung hinter die Führung zu scharen und jede Opposition als "Verrat" anzusehen. Jetzt ist das Ende der Bombardemente gekommen. Die Frage ist, ob die Menschen nun dem jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic, dem Hauptverantwortlichen für das Drama, die Schuld an ihrer Misere geben werden. Auszuschliessen ist dies nicht. Die "Revolution" steht aber sicher nicht unmittelbar bevor, und ob sie dann demokratisch sein würde oder womöglich noch nationalistischer, ist ebenfalls offen. Die Erwartungen an die OppositionDie Serben stehen vor einem Scherbenhaufen. Und darauf sollen sie eine demokratische Zukunft aufbauen - ein Volk, das sich nach 79 Bombentagen und -nächten in der Rolle des unschuldigen Opfers einer internationalen "Aggression" bestätigt glaubt. Doch nicht genug: Der Westen hat wissen lassen, Serbien werde keine Aufbauhilfe bekommen, solange Milosevic an der Macht bleibe. Die Opposition soll das Land auf den Weg der Demokratie und aus der Isolation führen. Zur Belohnung will der Westen danach beim Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Infrastruktur helfen. So lange muss die Bevölkerung, gegen die der Krieg laut Versicherungen der Nato nie gerichtet war, darben. "Selber schuld", werden manche sagen. Doch es geht nicht um Schuld und Sühne, dafür gibt es das Uno-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Entscheidend für Jugoslawien - wie für den ganzen Balkan - ist, dass das alte System in Serbien endlich aufgebrochen wird. Und das dürfte ohne Hilfe von aussen kaum möglich sein. Die internationale Gemeinschaft schiebt das Problem Milosevic, das sie fleissig mitgeschaffen hat, kurzerhand auf die Serben ab. Unlängst wurde er zwar in Den Haag wegen Kriegsverbrechen angeklagt. Doch das Versprechen, das damit einherging - nämlich die Drahtzieher der Gräuel in Kosovo (und auch Bosnien) zur Verantwortung zu ziehen -, wurde nicht eingelöst. Im Gegenteil, man hat Milosevic einmal mehr als Friedensgaranten herangezogen. Alternative Verhandlungspartner sind in Serbien in der Tat schwer zu finden. Dies ist auch eine Folge der westlichen Politik, in Serbien, aber auch in anderen Ländern Osteuropas und vor allem der ehemaligen Sowjetunion, lieber auf vermeintlich berechenbare, starke Männer zu setzen. Oppositionsbewegungen, die oft zersplittert sind und erst damit beginnen, sich zu formieren und in Demokratie zu üben, lassen die Westmächte aus dem Spiel. Die serbische Opposition ist nicht nur schwach und zersplittert, ihr fehlt vor allem auch die politische Basis im Volk: Der einstige Mittelstand Serbiens ist durch Krieg und Sanktionen verarmt, die Belgrader Führung hat die eigene Bevölkerung zudem hemmungslos ausgeplündert. Die Nato-Bombardierungen und die verweigerte Aufbauhilfe berauben die Menschen der Chance, rasch wieder auf die Beine zu kommen und zu einem politischen Faktor zu werden. Präsident Milosevic wurde immer wieder zu Recht vorgeworfen, sein ganzes Land in Geiselhaft zu halten. Nun schickt sich der Westen an, das Gleiche zu tun. Die Wut gegen den WestenDer heutigen "Siegeseuphorie" der Serben dürfte in Anbetracht ihrer hoffnungslosen Lage bald die Wut folgen. Es ist fraglich, ob sich diese Wut gegen die wahren Schuldigen an der Misere richten wird oder nicht doch gegen den Westen, den wohl kaum ein Serbe als Freund und Helfer empfinden wird. Die Gefahr ist gross, dass in Serbien nach dem Krieg nicht ein stabiles Fundament für eine bessere und demokratischere Zukunft gelegt wird, sondern dass der Sumpf aus Dolchstosslegenden, Nationalismus und Isolationismus nur noch tiefer wird. Tages-Anzeiger, 11.6.99 |
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