| 18. Juni 1999 | |
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Der diskrete Krieg der Profis, der die Normalität nicht berührt Der Konflikt auf dem Balkan braucht "das Volk" nicht, sondern stellt seine Bestandteile selbst her / Von Jürgen Link Es ist Krieg, und jeder geht seinen Alltagsgeschäften nach. Jürgen Link, in Dortmund Professor für Literaturwissenschaft und Diskurstheorie, geht in seinem (leicht gekürzten) Essay den Ursachen für die offizielle Apathie in der deutschen Bevölkerung nach. Link schrieb den Beitrag für eine Arbeitsgruppe der Initiative, die den internationalen Appell "Stop der Bombardierungen, Selbstbestimmung" formuliert hat. Erstunterzeichner dieses Appells waren u. a. Pierre Bourdieu, Noam Chomsky, Edward Said und Rossana Rossanda. Zu Beginn des Balkan-Krieges von 1999 waren die Medien am "Thema Sprache und Krieg" interessiert: Sie wollten hören, daß "das erste Opfer des Krieges die Wahrheit" sei und daß Ausdrücke wie "Implementierung von Frieden" (statt "Krieg") oder "Kollateralschäden" (statt Bomben auf Zivilisten) eine "sprachliche Verschleierung des Krieges" darstellten. Das wurde ihnen dann aber zu Recht bald wieder langweilig, und sie ließen dieses "Thema" wieder fallen. Statt um "Verschleierung" handelte es sich in der Tat von Anfang an um etwas anderes (...): Es ist die hundertprozentige Professionalisierung dieses Krieges, seine vollständige Abspaltung von der alltäglichen Lebenswirklichkeit der Bevölkerungen der kriegführenden Länder (abgesehen von den Balkanvölkern). Diese Abspaltung fällt in Deutschland, das immerhin im ersten Krieg seit Adolf Hitler "engagiert" ist, besonders kraß auf: Abgesehen von den abendlichen Nachrichten wirken Land und Volk exakt so, als ob sie nicht im Krieg stünden - allenfalls haben einige wenige ab und zu ein mulmiges Gefühl, wenn sie an die finanziellen Konsequenzen denken, die am dicken Ende als Rechnung "auf uns zukommen werden". Ansonsten signalisiert schlechtweg alles, daß dieser Krieg von den zuständigen Profis so diskret geführt wird, als ob unser aller Normalität nicht im geringsten berührt wäre. Wir erfuhren nichts über die realen Tornado-Einsätze: gar nichts über die Technik der elektronischen High-Tech-Waffen, wie das funktioniert usw. Wer hatte das alles programmiert und wie und wann? Wurde nach längst fest etablierten "Szenarios" gebombt oder wurden neue "Optionen" ad hoc "eingespeist" (auch solche Profiwörter)? Wer entschied darüber, wer verteilte die "Aufträge"? Was haben eigentlich genau unsere Tornados alles bombardiert und mit welchem "Erfolg"? Wie reagierten die deutschen Tornado-Piloten seelisch auf die nahezu ununterbrochene Tötung von Zivilisten, einschließlich von Kosovo-Albanern, für die der Krieg offiziell geführt wurde, auf den Tod von Babys und Müttern, der durch die Lahmlegung der Elektrizität und des Trinkwassers "implementiert" wurde, auf die bisher größte ökologische Verheerung in Europa überhaupt? (...) Wir erfuhren schon gar nichts über die Beratungen der Nato-Stäbe, in denen über die Ziele und über die jeweils neuesten Eskalationsschritte entschieden wurde: Wer hatte vorgeschlagen, auch Chemiefabriken zu bombardieren? Gab es Widerspruch dagegen und ggf. von wem? Wozu wurden überhaupt noch Politiker gefragt bzw. was entschieden die "Militärs" alles in Eigenregie? In diesem Kontext von Spezialistentum spielen auch die "Implementierungen" und "Kollateralschäden" ihre kleine, durchaus unbedeutende Rolle: Sie signalisieren Profisprache und daß die Bundeswehr das schon macht, so wie die Steuerprofis die Steuerreform - daß also alles völlig normal läuft. Die Apathie und das Schweigen der Bevölkerung ist also nicht das Resultat von "Verschleierung" (und natürlich auch nicht das von Zustimmung aus Überzeugung), sondern das von Arbeitsteilung, Spezialisierung, Professionalisierung - in der Sprache von Niklas Luhmann gesprochen: von "funktionaler Ausdifferenzierung". Wir haben es mit dem ausstehenden Luhmann-Band "Der Krieg der Gesellschaft" zu tun: Dieser Krieg braucht keine Vermischung mit anderen sozialen Bereichen mehr, er ist auf keine Non-stop-Begleitung an den Stammtischen mehr angewiesen, und noch weniger auf Fähnchenschwenken. Es gibt keine kleinen Siegesfeiern in den Schulen mehr und keine patriotischen Ansprachen in den Betrieben. Solche Vermischungen von Krieg mit anderem, solche "Entdifferenzierungen", wie es bei Luhmann heißen würde, überlassen wir den unterentwickelten "Serben". Wir haben mit diesem Krieg buchstäblich nichts zu tun, weil er ohne uns auskommt: Er braucht uns nicht, er "macht sich selber" - mit dem griechischen Fachwort: er folgt dem Gesetz seiner Autopoiesis. Nach Luhmann ist ein Subsystem dann völlig "ausdifferenziert" und damit selbstgenügsam, d. h. autopoietisch, wenn es seine Bestandteile selber herstellt. Das gilt für diesen Krieg in höchstem Maße: Sicher sind die Waffen, einschließlich des elektronischen Wissens, ursprünglich von der Wirtschaft produziert und vom Steuerzahler bezahlt worden - aber als Waffen und besonders als "intelligente" Waffen funktionieren sie nur im "Einsatz", also im Krieg, und die wichtigsten, die absolut alles tragenden Instrumente dieses Krieges, produzieren die Militärs darüber hinaus inzwischen ganz allein und ganz autonom. Welches sind diese tragenden Instrumente? Es sind die Strategien, nach denen die taktischen Programme verfertigt und die Waffen dann eingesetzt werden. Wenn Clausewitz noch den Krieg als die "Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln" definiert hatte, so gilt heute evidenterweise das Umgekehrte: Nicht Schröder, Fischer und Scharping geben der Bundeswehr irgendwelche "inputs" - ihnen bleibt lediglich die manchmal unangenehme Aufgabe, die "outputs" des Krieges zu kommentieren, notwendigerweise völlig unprofessionell und daher eigentlich überflüssigerweise. Wie der Krieg faktisch "funktioniert", das ist einzig und allein seine eigene Sache, die Sache seiner Autopoiesis, das heißt konkret die der professionellen "Militärs". Die Eskalations-Strategie der Nato (d. h. die globalisierte "flexible response") ist also das Programm aller Programme dieses Krieges, jenes fundamentale Programm, das ihn auf eigene Beine stellt und ihn unabhängig macht von systemfremden Störungen wie etwa politischen oder gar ethischen. Die Logik dieser Eskalations-Strategie ist das A und O dieses Krieges, das Spannendste und Interessanteste an ihm - gerade deshalb also das Unbekannteste, das niemand in Medien und Politik "interessiert". Was demnach heißt Eskalations-Strategie? Nichts anderes als die Verfügung über eine vollständige Stufenleiter von Waffensystemen und militärischen Reaktionsmöglichkeiten. Strukturell bestimmt ist dieser "Korb von Optionen" durch eine potentiell weltzerstörerische Vernichtungskapazität ihrer höchsten Reaktionsmöglichkeiten (Atomwaffen) und durch die totale Elektronisierung des gesamten Dispositivs (High-Tech, smart weapons). Dabei soll die Schlacht, auf die früher der Krieg zielte, nach Möglichkeit dadurch präventiv entschieden, d. h. überflüssig werden, daß das Potential des Feindes bereits zuvor durch elektronische Steuerung aus der Luft in seiner Ausgangsstellung vernichtet wird. Die Eskalations-Strategie mit monopolisierten High-Tech-Waffen garantiert gegenüber technisch unterlegenen Feinden wie dem "Vietcong", "Saddam" oder "Milosevic" (jedenfalls theoretisch) den Sieg - der Sieg ist ihr einprogrammiert, weil der Feind bei den höheren Eskalationsstufen "nicht mitziehen" kann. Die Eskalations-Strategie schließt notwendig "exterministische" Konsequenzen ein. Unter Exterminismus sei die großflächige Vernichtung zivilisatorischer Grundstrukturen einschließlich der in sie eingebundenen Menschen durch den räumlich und zeitlich unvorstellbar dicht geballten Einsatz von High-Tech-Waffen verstanden. Modellfälle sind Hiroshima und Nagasaki. Aber auch niedrigere Eskalationsstufen sind potentiell exterministisch, wie die Modellfälle Dresden und Vietnam (großflächige ökologische Vergiftung durch Agent Orange mit der zusätzlichen späteren Folgelast massenhafter Krebstode) beweisen. Daß der BalkanKrieg 1999 nahezu von Beginn an exterministische Komponenten einbegriff, kann nur aus extrem apologetischer Sicht bestritten werden. Während im Golf-Krieg noch stolz gemeldet wurde, daß die Sprengkraft der abgeworfenen Bomben schon nach wenigen Wochen die Gesamtsprengkraft des ganzen Zweiten Weltkriegs überschritten hatte, verschont man uns diesmal, offenbar weil es um "Europa" geht, mit solchen Rekordmeldungen. Bei diesen Komponenten geht es nicht um sogenannte "Kollateralschäden", die als statistisch erwartbare "Unfälle" zwar ebenfalls einkalkuliert und insofern voll von der Eskalations-Strategie zu verantworten sind, dennoch aber nicht zu den direkt und primär einprogrammierten Zielen zählen. Vielmehr zählen hierzu die (vollständig beabsichtigten) Angriffe auf chemische Industriekomplexe (Raffinerien und andere Ölanlagen, elektrische Anlagen, Chemiefabriken, Trinkwassersysteme) und nicht zuletzt die ökologischen Langzeitschäden der Bomben selbst, mit denen noch nie zuvor ein Land in der Menschheitsgeschichte so dicht "belegt" worden ist wie Jugoslawien. Wenn die Sprecher der Nato stolz die geringe Rate von "Kollateralschäden" betont haben, sollte man fragen, was denn die weit über 90 Prozent "Treffer" angerichtet haben: Als ob nicht (um die toten serbischen Soldaten zu übergehen) durch das Dauerbombardement, wie es noch kein Land bisher erfahren hat, zumindest eine ganze Generation von an Milosevic ja wohl unschuldigen Kindern nachhaltig und mit bleibenden psychischen Schäden traumatisiert würde (das gilt für serbische wie für kosovoalbanische Kinder, deren Trauma nicht dadurch geringer wird, daß die Explosionen offiziell zu ihrem Schutz erfolgen). Der konkrete Eigenname der Autopoiesis des Krieges lautet in seiner eigenen Sprache "Glaubwürdigkeit": Dieser Name steht für den unlöslichen Zusammenhang aller Stufen und "Optionen" der Eskalations-Strategie. Das Grundprinzip dieser "Glaubwürdigkeit" besteht im fundamentalen "Offenhalten aller Optionen". Es darf also in der Eskalations-Strategie (im Gegensatz zur grundlegenden Alternative einer intelligenten Deeskalations-Strategie) aus Prinzip keine "Deckelung" der Eskalationsleiter geben: Niemals darf eine weitere Eskalation prinzipiell ausgeschlossen werden, und das gilt ganz explizit vor allem auch für die höchsten Eskalationsstufen, die ABC-"Optionen". Mehr noch: Zur "Glaubwürdigkeit" gehört ebenso, daß auch die je konkret unteren Stufen dem Feind nicht bekannt sein dürfen, weshalb die "Option" des atomaren Erstschlags vorbehalten werden muß. Daraus folgt logisch, daß ein einseitiger und gleichzeitg unbefristeter Bombenstopp der Eskalations-Strategie völlig widerspricht: weshalb Fischer auf dem Sonderparteitag der Grünen am 13. Mai in Bielefeld lediglich auf der "Befristung" unbedingt bestehen mußte. Mit der "Befristung" blieb der Parteitag voll und ganz in der Eskalations-Strategie - durch Ablehnung der "Befristung" hätte er einen Strategiewechsel vollzogen und das breite Spektrum der Möglichkeiten einer intelligenten Deeskalations-Strategie eröffnet. Das durfte nicht sein. Konsequent zu Ende gedacht, folgt daraus weiter, daß das eigentliche und fundamentale Kriegsziel jedes Eskalationskriegs zirkelschlüssig in letzter Instanz nichts anderes sein kann als eben die Erhaltung und nach Möglichkeit Steigerung der "Glaubwürdigkeit" von Eskalationskriegen. Letzte Autopoiesis als Eskalation um Willen der Eskalation. Deshalb die Kompromißlosigkeit bei der Forderung nach Besetzung Kosovos durch Truppen der dominierenden Nato-Länder und Errichtung eines militärischen Nato-Protektorats: Ein Nachgeben in diesem Punkt würde zwar das vorgebliche Kriegsziel der Annullierung der Vertreibung erfüllen können, könnte die "Glaubwürdigkeit" von Eskalationskriegen aber möglicherweise schwächen. Daher wird ein Eskalationskrieg, der nicht "glatt läuft", eher einfach "weiterschmoren" müssen als durch einen Kompromiß beendet zu werden: Auch so reproduziert sich der Krieg aus sich selbst. Es versteht sich, daß auch die entsprechende Diplomatie kein System eigenen Rechts sein kann, sondern ebenfalls allein dem Imperativ der "Glaubwürdigkeit" folgen muß - diplomatia ancilla belli (die Diplomatie ist die Magd des Krieges - Anm. d. Red.). Mehr noch: Selbst die von den USA und den G 7 beherrschten Instanzen der Weltwirtschaft wie IWF, WTO und Weltbank folgen direkt der Eskalationsstrategie, wie die wiederholten Verweigerungen bzw. dann Abschlagzahlungen von Krediten an Rußland und der WTO-Mitgliedschaft von China in direkter Abhängigkeit von deren Zustimmung zum Nato-Konzept beweisen. Schließlich gehört zur Eskalations-Strategie gegen einen technisch völlig unterlegenen Feind eine eigenartige strukturelle Komplementarität und Komplizenschaft: Was der unterlegenen Seite an Technik fehlt, muß sie durch traditionale Barbarei zu kompensieren suchen. Diese Barbarei liefert der High-Tech-Seite die dringend benötigten Massaker-Bilder mit Verstümmelungen, mit denen sie die "Akzeptanz" für ihre eigenen High-Tech-Massaker herstellt und aufrechterhält. Umgekehrt braucht die technisch unterlegene Seite die High-Tech-Massaker, um das eigene Volk in die "fanatische" Solidarität des kollektiven unschuldigen Opfers einbinden zu können. Das wird bereits durch die High-Tech als solche erreicht: Auf der unterlegenen Seite ist evident, was auf der überlegenen niemand zu thematisieren wagt: die "Feigheit", der totale Mangel an "Fairneß" dieses Krieges. (...) Die High-Tech-Massaker der einen Seite heizen also den "Fanatismus" der anderen an, der wiederum die "handgemachten" Massaker multipliziert und steigert, was wiederum die "Akzeptanz" (und Multiplikation sowie Steigerung) der High-Tech-Massaker vorantreibt usw.: teuflische Autopoiesis des Eskalationskriegs. Wenn es diese Autopoiesis überflüssig macht, uns Nicht-Militärs, früher "Volk" genannt, über die konkrete Eskalationslogik "unserer" Seite zu informieren, so nicht weniger über die des Feindes. Auf dessen Seite handelte es sich vor dem 24. März um eine Kombination aus klassischem Anti-Guerrilla-Krieg gegen die UCK (wofür die besten Analogien Algerien, Vietnam und Kurdistan waren) und dem Versuch klammheimlicher ethnischer Säuberung. Der 24. März, der auf westlicher Seite Eskalationsstufen "wählte", gegen die der Zweite Weltkrieg (abgesehen von Hiroshima) verblaßt, "mußte" natürlich auch auf der Gegenseite das Eskalationsniveau qualitativ ändern. Es wird einmal zu den Hauptaufgaben künftiger Historiker gehören, nach Beweisen dafür zu suchen, ob diese qualitative Steigerung von einem (relativ gesehen) "low intensitiy anti-subversive warfare" in Kombination mit klammheimlicher ethnischer Säuberung zur großflächigen Massenvertreibung plus großflächicher ethnischer Säuberung bereits in den Nato-Szenarien simuliert worden war. Wenn nicht, würde es von mangelnder Intelligenz und Professionalität zeugen. Sicher ist jedenfalls soviel, daß die exterministische Bekriegung einer mutwillig selbst mitausgelösten "humanitären Katastrophe" nichts anderes wäre als das Tüpfelchen auf dem i perfekter militärischer Autopoiesis. Natürlich bleiben die "handgemachten" Massaker und Vergewaltigungen und bleibt die ethnische Säuberung auf serbischer Seite in der alleinigen Verantwortung ihrer unmittelbaren Täter und ggf. ihrer Schreibtischtäter - zur Autopoiesis dieses Krieges gehört aber unbedingt auch der "Zugzwang", in den die technisch unterlegene Seite versetzt wurde, zur "totalen Flüchtlingswaffe" zu greifen: zwecks "Verstopfung" der Aufmarschgebiete für eine Panzeroffensive, vor allem in Albanien und Mazedonien, zwecks tief gestaffelter Totalverminung Kosovos und zwecks Schaffung eines mächtigen Faustpfands für Verhandlungen. Da eine Erörterung von strategischen und taktischen Einzelheiten aber die "Akzeptanz" und die an ihr hängende reibungs- und diskussionslose Finanzierung des Krieges, also seine reibungslose Autopoiesis, gefährden könnte, erhielt das Volk anstelle all dieser vertrackten Eskalationslogiken bloß die Stichworte "Hitler" und "Auschwitz" geliefert. Wenn das über die Eskalations-Strategie Gesagte in den Grundzügen zutrifft, dann erklärt sich daraus nun auch die eingangs erwähnte weitestgehende Abschottung des Systems Öffentlichkeit vom System Krieg. Wenn das reibungslose Funktionieren der Eskalationsmaschine auf der Autopoiesis des Krieges, d. h. auf der vollständigen Abkopplung seiner Eskalationslogik von anderen, etwa politischen, inklusive diplomatischen, wirtschaftlichen oder gar ethischen Logiken beruht, dann ist jede "Querkopplung" des Krieges an andere Systeme eine potentielle Störung eben dieses Krieges. Die einzige notwendige Kopplung zwischen Krieg und Öffentlichkeit ist demnach die Beschaffung pauschaler Akzeptanz - je pauschaler, um so besser. Hieraus erklärt sich zunächst das fundamentale Faktum, daß über die Eskalations-Strategie selbst im allgemeinen und die jeweiligen konkreten Eskalationsschritte im besonderen (welche zivilisatorischen und ökologischen Folgen haben Bomben auf Raffinerien?, welche auf Elektroanlagen?, welche auf Chemiefabriken? Läuft eine "Implementierung von Nato-Schutztruppen" auf das gleiche hinaus wie eine "Bodenoffensive", oder was ist der Unterschied? usw.) die Öffentlichkeit vollständig und absolut im dunkeln gelassen wird. (...) Wenn man Medien und Politik kritisieren will, so vor allem, insofern sie dieses Spiel sichtlich erleichtert mitspielen und sich also jede militärisch-technische Frage, gar Frage nach der Eskalationslogik, geradezu gierig verbieten. Statt dessen haben sich Medien und Politik fast ausschließlich aufs "Bilderzeigen" spezialisiert, und zwar vor allem auf das Zeigen der "handgemachten" Massaker bzw. des Flüchtlingselends. Mit solchen Bildern werden die eigenen Feindbilder ("Milosevic" und "die Serben als Vergewaltiger") stabilisiert. Man muß Rudolf Scharping immer wieder das (wenn auch womöglich doppelbödige) Kompliment machen, daß er dieses Spiel des Verzichts auf alles Militärische und die Beschränkung aufs reine Bilderzeigen zwecks Aufpumpen des Feindbilds so weit wie kein anderer getrieben hat und weiter treibt: Der erste deutsche Kriegs- bzw. Verteidigungsminister, der seinen Job als strikt nichtmilitärisch auffaßt, und dessen Ministerium daher richtiger für Volksaufklärung und Propaganda lauten müßte (warum sollten wir vor dieser treffenden Bezeichnung zurückscheuen, wenn wir uns zum Reichstag und zum Eisernen Kreuz auf unseren Tornados bekennen, die ja bekanntlich ebenfalls von den Nazis mißbraucht worden sind). Scharping kann dabei trotz seines notorisch schlechten Informationsstands und seines konstitutiven Mangels an strategischer Intelligenz relativ "erfolgreich" agieren, weil er sich einfach auf die implizite Logik des autopoietischen Krieges verlassen kann: Ich zeige euch Bilder von mit der Hand Massakrierten, womit ich euch beweise, daß meine Tornado-Massaker diesen Massakrierten helfen. Je mehr Bilder von Massakrierten ich euch zeige, um so mehr beweise ich euch, daß meine Tornados gegen das Massakrieren helfen. Gäbe es die Möglichkeit des "Querdenkens" zwischen der völlig verselbständigten, autopoietischen Eskalationslogik dieses Krieges und anderen Erfahrungsbereichen, so müßte die makabre Dummheit einer solchen "Logik" ihrem Publikum, dem "Volk", laut in die Ohren schreien. Dennoch soll damit gerade nicht gesagt werden, daß solche "Informationspolitik" etwa diesem Kriege nicht angemessen wäre, daß sie ihn etwa "verschleiern" würde: Sie folgt im Gegenteil voll und ganz der Logik seiner Autopoiesis, welcher das Bewußtsein von Alternativlosigkeit als Grundlage massenhafter Akzeptanz entspricht. (...) Auch der Vietnam-Krieg wurde im Prinzip bereits auf der Basis der Eskalations-Strategie geführt, konnte theoretisch also eigentlich gar nicht verloren werden: Hanoi wurde bombardiert wie Belgrad, Südvietnam wie Kosovo. Der Dschungel sollte mit Agent Orange entlaubt werden, die südvietnamesische Bevölkerung wurde in Massen vertrieben und in Lagern konzentriert, damit sich der "Vietcong" nicht in ihr verstecken konnte und damit sie dem Kriege nicht "im Wege stand". Der "Vietcong" sollte mit Bodentruppen vernichtet werden. Das führte aber zu eigenen Opfern. Die atomare "Option" wurde, als die Bombardements (wie jetzt auf dem Balkan) zum Sieg nicht ausreichten, ernsthaft erwogen und ernsthaft vorgeschlagen. Zu diesem letzten "Einsatz" kam es vermutlich aus folgenden zwei Gründen dann doch nicht mehr: Zum einen gab es damals noch die atomaren Risikofaktoren Sowjetunion und China; zum anderen brach die "Akzeptanz" daheim in den USA bei der Bevölkerung zusammen. Angeblich vor allem wegen der Toten der eigenen Seite, in Wirklichkeit weil die Eskalations-Strategie sich bei einem immer größeren Teil der amerikanischen Bevölkerung als exterministisch erwies. Es entstand im amerikanischen Volk ein Mitgefühl für "die traurige einsame Erde", wie Hölderlin einmal sagte, für ein "in die Steinzeit zurückgebombtes", zerschundenes Land, dessen sichtbare Extermination von keinem Gerede über Schutz der Freiheit der Südvietnamesen mehr aufgewogen werden konnte. Das war natürlich nicht die Sicht der Militärs, und ist es bis heute nicht. Wie konnte dieser theoretisch auf sicheren Sieg programmierte Krieg also dennoch am Ende verlorengehen? Die Antwort erscheint aus der Sicht der Militärs eindeutig: Weil die Autopoiesis des Krieges nicht wirklich erreicht und erhalten werden konnte - weil sie je länger je mehr gestört wurde durch Vermischungen mit Politik, Ethik und Kultur (z. B. an den Universitäten der USA) -, bis das Land von Teach-ins und Liedern gegen den Krieg und Kanada und Frankreich von Deserteuren wimmelten. Daraus mußte "die Lektion gelernt werden": Wenn Bodentruppen, dann kurz und schmerzlos, ohne "Versumpfung". Die Konsequenz daraus wiederum hieß Intensivierung der "Luftschläge", also Steigerung des High-Tech-Exterminismus. Das seinerseits implizierte einen nicht zu lange dauernden Luftkrieg, um das Eindringen seiner exterministischen Folgen ins Bewußtsein der Bevölkerung zu vermeiden. Damit ist die Eskalations-Strategie nicht zuletzt auch als Krieg gegen die Uhr konstituiert, und zwar gleich mehrfach: Je länger der Krieg dauert, desto mehr sind auch alle Feindbilder dramatisiert ("Können Sie Milosevic noch die Hand geben, Herr Fischer?"), desto weniger erscheinen authentisch diplomatische Kompromisse noch akzeptabel. Und vor allem schreibt die Eskalationsstrategie der Diplomatie den folgenden fatalen kategorischen Imperativ vor: Stimme keinem Resultat zu, von dem jedes Menschenwesen, dessen Tassen im Schrank noch nicht restlos von den Tornados zerdeppert sind, spontan erkennen wird, daß es auch ohne den ganzen Krieg genauso gut oder besser hätte erreicht werden können. Denn das würde ja die "Glaubwürdigkeit" künftiger Eskalationskriege verkleinern, kommt also nicht in Frage ... Ein anderes Wort für Eskalations-Strategie ist daher zu Recht Teufelsspirale: Kann es einen Ausweg aus ihr geben? Sicherlich nicht ohne "Entdifferenzierung" der Autopoiesis dieses Krieges. Vermischungen und Sich-Einmischen tun bitter not. Wenn wenigstens endlich außerhalb der Stäbe über Eskalations-Strategie geredet würde, damit endlich auch über Deeskalations-Strategie geredet werden könnte. Wenn das Leiden mit der "traurigen einsamen Erde" des Balkans und allen seinen Menschen sich artikulieren könnte. Wenn deutsche Medien sich eingestehen würden, daß nicht ferne Marsmenschen, sondern die deutsche Bundeswehr und damit Deutschland an diesem Eskalationskrieg führend beteiligt ist, daß wir alle seit über zwei Monaten Krieg führen. (...) Copyright © Frankfurter Rundschau 1999 Erscheinungsdatum 18.06.1999 |
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