| 25. Juni 1999 | |
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Norbert Mappes-Niediek, Prishtina Artemijes Flucht vor drohender LynchjustizDas Versagen des deutschen KFOR-Kontingents in der Stadt Prizren Hätte ihnen eine Woche vorher jemand gesagt, daß Zoran Andjelkovic und ein NATO-Offizier gemeinsam vor der orthodoxen Kirche reden und sie alle zum Bleiben auffordern würde, hätten die Serben von Kosovo polje, einem vorwiegend serbisch besiedelten Ort bei Prishtina, sich wahrscheinlich an den Kopf gefaßt. So aber staunten sie nur: Andjelkovic, der letzte serbische Provinzgouverneur des Kosovo, von Typ und Auftreten eine Art Egon Krenz des Milosevic-Regimes, wetterte unter den Augen und Ohren britischer Offiziere tüchtig gegen den erzwungenen "Exodus" der Serben aus dem Westen des Kosovo, lobte die jugoslawische Armee, die das Land so wunderbar verteidigt habe, und riet dringend, es nun nicht zu verlassen. Nach ihm trat ein britischer Offizier namens Bailey ans Mikrophon, warnte vor den "historischen Folgen", wenn die Serben jetzt gingen, und bat sie, beim Aufbau zu helfen: "Ich rede jetzt nicht von der Vergangenheit, sondern der Gegenwart und unmittelbaren Zukunft." In Mazedonien habe er die Leute gefragt, was für eine Art Volk die Serben seien, erzählte Bailey im eher gemütlichen Teil seiner Rede. Die Serben seien von einer "verrückten Tapferkeit", habe man ihm geantwortet, und für diese Pointe gibt es auf dem Kirchplatz von Kosovo polje sogar Heiterkeit und etwas Applaus. Bailey nutzte die Stimmung: "Seien Sie tapfer!" rief er den verbliebenen Serben zu: "Bleiben Sie hier!" Peace-keeping nach gut kolonialer Tradition Beobachter staunten über den Mut und die Souveränität der Briten, die mit Zoran Andjelkovic den Vertreter des Feindes so unzensiert unter ihrem Besatzungsregiment reden ließen. Ihre und seine Interessen trafen sich in einem einzigen Punkt: Die Briten wollen die Serben dabehalten - die Briten, damit kein "ethnisches reines" Kosovo entsteht, und Andjelkovic, weil Belgrad den Kampf um die Provinz noch nicht verloren gibt. Um den Statthalter von Slobodan Milosevic auf die Bühne zu kriegen, erteilten die Briten sogar dem serbischen Oppositionellen Momcilo Trajkovic eine Absage - dem Anführer der Serbischen Widerstandsbewegung, der im Gegensatz zum Regime die fremden Truppen begrüßt und auch zugibt, daß Serben an Albanern zahlreiche Greuel verübt haben. Den Ausschlag gab einfach, daß selbst der Belgrad-treue Andjelkovic - wie die Briten - den Auszug der Serben verhindern wollte. Schon in Bosnien, wo UN-Truppen aus aller Welt stationiert waren, hatte das britische Bataillon für seine Kühnheit und Konsequenz den mit Abstand besten Ruf. Die Tinte unter dem muslimisch-kroatischen Abkommen war 1994 noch nicht trocken, da hatten die Briten schon alle Kontrollpunkte an der Frontlinie abgebaut. Auch diesmal machten sie ihrem Ansehen alle Ehre: Britisches peace-keeping unterscheidet nach gut kolonialer Tradition nicht zwischen den Völkerschaften. In der Innenstadt von Prishtina durfte sich wenige Tage nach dem Einmarsch kein serbisches Freischärler, aber auch kein UÇK-Kämpfer blicken lassen. Die Deutschen, denen die NATO im Südwesten des Kosovo einen eigenen Sektor zugestanden hat, boten in den ersten Tagen der KFOR den traurigen Kontrast zum effizienten Vorgehen der Briten. Dabei hatten sie es, anders als die Briten, nicht mit den Emissären des Milosevic-Regimes zu tun, sondern nur mit der weit gutartigeren serbischen Opposition. Dennoch war das Resultat der deutschen Aktionen in der ersten und entscheidenden Besatzungswoche erheblich schlechter. Obwohl es in Prizren, der Hauptstadt des deutschen Sektors, im Krieg so gut wie keine UÇK gegeben hatte, beherrschte die radikale "Befreiungsarmee" die Stadt. Kaum war klar, daß die Deutschen der UÇK keinen ernsthaften Widerstand entgegensetzten, machten sich so gut wie alle Serben aus Prizren auf den Weg - es kam zu einem beschämenden Exodus unter den Flüchen und Steinwürfen des - diesmal albanischen - Mobs von Prizren. Inzwischen haben die Soldaten begriffen, was sie tun müssen. Aber drei entscheidende Tage lang hatten Albaner wie Serben in der Stadt die Unsicherheit der Deutschen beobachten können: wie nach den Schüssen auf einen serbischen Heckenschützen dessen Kumpan mehr als eine Stunde lang schwer verletzt im Auto lag und von Journalisten notversorgt werden mußte, während ratlose deutsche Peacekeeper über der Szene das Kanonenrohr ihres Panzers kreisen ließen - oder wie nach dem Abzug der Armee die serbischen Geschäfte in der Innenstadt durch schlichte Abwesenheit der Deutschen faktisch zur Plünderung freigegeben waren. Jetzt, da es zu spät ist, wird endlich durchgegriffen. Dabei wäre es nirgends im Kosovo so leicht gewesen wie in Prizren, die Serben zum Bleiben zu bewegen. Meinungsführer beim serbischen Bevölkerungsteil war hier der 64jährige orthodoxe Bischof Artemije Radosavljevic - der Vorzeigebischof der Opposition. Er bildet mit Momcilo Trajkovic, dem serbischen Oppositionsführer im Kosovo, ein festes Gespann, und beide halten seit Monaten engen Kontakt zu Zoran Djindjic. Wenn die orthodoxe Kirche in Belgrad sich nun endlich gegen das Milosevic-Regime wendet, ist das zuerst das Verdienst des kleines Bischofs aus Prizren. Während die Staatsgewalt zu Hunderttausenden die Albaner vertrieb und sich viele Serben an der zurückgelassenen Habe ihrer Nachbarn bereicherten, nannte Artemije das schreckliche Geschehen in seiner Osterbotschaft als einziger beim Namen. Er wäre der Mann gewesen, der manches Vorurteil der Serben gegen die Deutschen hätte aufbrechen können: In den siebziger Jahren war der hochgebildete Theologe zwei Jahre lang zum Sprachstudium in Deutschland und bildete so auf serbisch-nationaler Seite eine der wenigen Brücken zum deutschen Kulturraum. Ausgerechnet Artemije mußte nun vor drohender Lynchjustiz aus seinem Bistum fliehen - ein Ereignis, wie wenn der Kardinal von Galen nach der Befreiung 1945 unter britischer Besatzungsmacht aus Münster hätte ausziehen müssen. Der Exodus mit Artemije an der Spitze wird nun wahrscheinlich einen neuen Mythos gebären. Vorbild dafür ist die "Velika Seoba", die "Große Wanderung" der Serben vom Kosovo mit dem Patriarchen von Pec, Arsenije. Eine nicht bekannte Zahl von Serben, angeblich mehrere hunderttausend, flohen 1690 nach dem Abzug der Österreicher vom Südbalkan vor den Türken und den muslimischen Albanern. Als das Zaren-Denkmal gekippt wurde Auch anderen nationalen Kontingenten in der KFOR-Truppe werden nach einer Woche weniger gute Zeugnisse ausgestellt als den Briten oder Amerikanern: So waren die Italiener in Pec ähnlich erfolglos wie die Deutschen in Prizren beim Versuch, die Serben zu halten. Kein NATO-Staat aber war von serbischer Seite so mit dem Verdacht konfrontiert, geheimer Alliierter der UÇK zu sein, wie Deutschland - von den Erinnerungen an die deutsch-kroatische Allianz im II. Weltkrieg und Hitlers Überfall auf Jugoslawien einmal abgesehen. Die wichtigste Basis der Organisation war nach Albanien die Bundesrepublik Deutschland, wo die UÇK ihre Konten unterhielt und ihren Waffennachschub organisierte. Aus serbischer Perspektive hat sich der Verdacht in der vergangenen Woche eindrucksvoll bestätigt: Die UÇK kamen zeitgleich mit den ersten Deutschen in die Stadt - zumeist über die albanische Grenze bei Kukes. Sie durfte frei agieren und sogar das Rathaus übernehmen. Die Deutschen unternahmen keinen Versuch, sich an die serbische Öffentlichkeit zu wenden. Als das Denkmal des Zaren Dusan von radikalen Albanern gekippt wurde, hatte auch Vladika Artemije genug und gab das Zeichen zur Flucht. Aus welchen Gründen es auch immer zum Auszug der Serben aus Prizren kam, ob Ignoranz der Bundeswehr dahinter stand, mangelnde Erfahrung, ideologische Beschränktheit, einfach zu geringe Mannstärke oder hier und da doch eine klammheimliche Sympathie mit der UÇK: Im Ergebnis haben die Deutschen bei ihrem ersten verantwortlichen Auslandseinsatz seit 1945 versagt. Sie hatten es schwerer als andere, weil sie gegen die größeren Vorurteile zu kämpfen hatten. Statt daraus aber die Konsequenz zu ziehen und sich in Bescheidenheit zu üben, etwa ihr Kontingent einem fremden nationalen Kommando zu unterstellen, glaubte man, sich beweisen zu müssen. Wiedergutzumachen ist der Fehler nicht. Nun, da die Serben von Prizren einmal in Serbien sind, wird die Belgrader Propaganda sie erfolgreich von der Rückkehr abschrecken. Leichter hätten die Deutschen es ihr kaum machen können. |
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