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Der Freischärler von nebenanDie UÇK ist plötzlich alles in einem: Wohnungsamt und Polizei, Bestattungsfirma und Armee Von Christian Schmidt-Häuer Der Schmetterling kommt von der obersten Blüte des Fingerhuts. Nach torkelndem Flug landet er auf dem Bauch des Toten. Der Bauch ist fahlbraun wie mattes Leder. Ober- und Unterkörper stecken in einem alten schwarzen Trainingsanzug. Ein rotes TShirt schaut wie eine Schärpe hervor. Was vom Kopf des Erschossenen geblieben ist, bedeckt eine filzige rosa Steppdecke. Ein zweiter Toter liegt mit dem Kopf nach unten im schmalen Graben am Rande des Feldes. Als die Bewohner des Dorfes Makrmal am 16. Juni, unmittelbar nach dem Abzug der Serben, aus den Wäldern zurückkehrten, fanden sie hier am Wegesrand drei ermordete Zivilisten. Sie begruben die Männer nicht, damit die Leute aus der Gegend, die fast alle Verwandte vermissen, sich die Toten ansehen konnten. Nach zwei Tagen kam ein alter Mann, der seinen Sohn unter den dreien entdeckte und ihn mitnahm. Jetzt haben die Dörfler die Anordnung erhalten, die beiden anderen Opfer sofort beizusetzen. Den Befehl gab die UÇK - wer sonst? In der zweiten Woche nach dem Einmarsch der KFor-Truppen überstürzen sich im Kosovo die Ereignisse. Gerade noch lagen weite Landstriche wie für immer ausgestorben da. Jetzt vollzieht sich im Zeitraffertempo die Landnahme der zurückkehrenden albanischen Vertriebenen. Gleichzeitig hat sich ein Flüchtlingstreck in Richtung Serbien in Bewegung gesetzt. Mehr als die Hälfte der serbischen Bevölkerung hat die Provinz bereits verlassen. Die einen fliehen aus Angst vor blinder Rache der UÇK. Die anderen suchen das Weite, weil sie sich schuldig gemacht haben. In all dem Chaos versucht die UÇK, sich als Ordnungsmacht zu profilieren. Die serbische Verwaltung existiert nirgends mehr. Das britische Bataillon, das die Stadt Glogovc (serbisch: Glogovac) schon zwei Stunden vor dem Abzug der serbischen Militärs besetzte, hat andere Sorgen. Seit dem Wochenende strömen täglich fast zehn Prozent der Bevölkerung zurück. Aber viele Wege und Häuser der umkämpften Agrarregion Drenica sind immer noch vermint. Auf einer großen Wandkarte trägt ein Feldwebel Ziffern in rote Kringel ein. Es sind die Zahlen der Toten in den Massengräbern, die von der Bevölkerung an diesem Nachmittag nahezu stündlich gemeldet werden. "Zuerst dachte ich, wir seien gekommen, um die Lebenden zu retten", sagt Major Nick Welch, "aber jetzt hätten wir schon genug damit zu tun, die Toten zu bewachen. Wir können nicht überall sein. Die UÇK ist sehr kooperativ. Ihre Kommandostruktur funktioniert hervorragend. Sie repräsentiert hier einfach die Gemeinschaft, die sie verteidigt hat. Sie sucht die eigenen, albanischen Ärzte. Und sie sorgt auch für die Toten in den Wäldern." Die Freischärler als Freund und Helfer, als Bestattungsunternehmer, als Bürgermeister. Sie sind aus den Bergen und Wäldern gekommen und stoßen jetzt in das Machtvakuum vor, das serbische Armee und Verwaltung hinterlassen haben. Zwar hat die Unmik - so heißt die Interimsverwaltung der Uno für das Kosovo - inzwischen ihre Arbeit aufgenommen, doch bis sie effektiv arbeitet, werden sicher Monate vergehen. In vielen Orten haben die UÇK-Kämpfer ganz einfach alle möglichen Positionen besetzt und beginnen nun, provisorisch illegale Verwaltungen aufzubauen. Sie rufen Präfekten aus, regeln den Straßenverkehr, kontrollieren Krankenhäuser, Wasserwerke, Industrieanlagen. Oft sind es UÇK-Leute, die KFor-Soldaten und Journalisten zu den Stätten der Massaker führen. Samile Hajdaraj ist 29 Jahre alt. Mit ihrem Kind auf dem Arm steht sie im Flur vor dem Zimmer des UÇK-Kommandanten von Djakova (serbisch: Djakovica). Ihre Kleine ist noch kein Jahr alt. Sie kam drei Monate nach dem Tod des Vaters zur Welt. Der wurde am 21. April 1998 von Serben erschossen, als er mit einem Waffentransport aus Albanien über die Grenze kam. Samile, die nicht aus der Gegend stammt, hat niemanden mehr. Ihr Haus ist zerstört. Nun möchte sie wieder als Krankenschwester arbeiten. Sie sucht eine Bleibe irgendwo in der Nähe des Hospitals. Von der UÇK erhofft sie sich Hilfe - wie so viele, die auf diesem Flur stehen und darauf warten, zum Kommandanten vorgelassen zu werden. Djakova im Westkosovo hatte früher 74 000 Einwohner. Die Stadt ist in der Raserei der vergangenen Monate furchtbar zerstört worden. An Samile vorbei drängen italienische Offiziere der KFor aus dem Zimmer des obersten Freischärlers. Die Beziehungen sind gut. Avdullah Babalia, der 32-jährige Kommandant der 137. UÇK-Brigade, ist völlig erschöpft. Seine Augen liegen in tiefen Höhlen. Er antwortet leise und gequält. Den Brustkorb zwängt ein Gipsverband wie ein Panzer ein. Noch vor wenigen Tagen haben serbische Heckenschützen ein Attentat auf ihn verübt. "Zur Zeit kommen rund 350 Menschen pro Stunde zu uns. Sie suchen Wohnungen, Verwandte und Verbindungen. Wir treiben Experten für die Laboratorien und Ärzte für die Krankenhäuser auf. Die UÇK bewacht die leeren Fabrikhallen, damit nicht geplündert wird. Im Augenblick haben wir kein Gefängnis. Wir verwarnen die Diebe nur und sagen: ,Bringt das Gestohlene zurück.'" "Radio UÇK" ruft die Bevölkerung an die ArbeitBabalia schweigt erschöpft. Dann setzt er fast tonlos hinzu: "Die uns am meisten bedrückende Frage werden wir niemals ohne die internationalen Organisationen beantworten können. 600 Menschen unserer Stadt sind von den Serben als Geiseln verschleppt worden. Gerade stellen wir eine Liste zusammen und wenden uns an alle Einwohner, die noch Menschen vermissen." Die UÇK in Djakova kann sich tatsächlich an alle Einwohner wenden. Die Stadt - oder sollte man sagen: die UÇK? - betreibt seit dem 14. Juni die erste albanische Radiostation im Kosovo. Vor neun Jahren hatten die serbischen Behörden die albanischen Lokaljournalisten gefeuert. Jetzt, beim Abzug, ließen sie alle Technik mitgehen. Doch die Hälfte der früheren Funktruppe hatte sich in Kellern und Höhlen auf diesen Moment vorbereitet. Kosovos Sender Nummer eins hat fünf Redakteure, fünf uralte Reiseschreibmaschinen, drei Mikrofone und eine Hand voll Kassetten mit albanischer Musik. Das Studio aus Dampfradios Zeiten meldet sich von 10 bis 19 Uhr mit Aufrufen und Interviews. Gerade werden alle Arbeiter des Unternehmens Dugaslirnc gebeten, am nächsten Morgen um 8 Uhr wieder in ihrem Werk zu erscheinen. Der "Intendant" von Radio Djakova, das direkt unter den Räumen des UÇK-Kommandanten liegt, spricht Russisch, Englisch und ein schönes Deutsch. Von 1976 bis 1981 lebte er in Hamburg. Er kann sich noch an die Adresse erinnern: Harvestehuder Weg 101. Außenalster, beste Lage. Dort befand und befindet sich das jugoslawische Generalkonsulat. Agim Byci war Vizekonsul in jener Zeit, als Präsident Tito die Kosovo-Albaner noch in den diplomatischen Dienst Jugoslawiens integrierte. Seit die Flüchtlingstrecks heimrollen, gehört das Kosovo de facto nicht mehr zu Jugoslawien. Die täglich neuen grausigen Funde massakrierter Zivilisten haben das Schicksal der Serben in ihrer Südprovinz besiegelt. Nur auf den wenigen Inseln guter Nachbarschaft, die es bis zuletzt gab, werden Serben und Albaner in Zukunft wohl gemeinsam leben können. Milocevics wahnwitziger Plan, die Albaner durch Mord und Feuer, Folter und Vergewaltigung für immer zu verjagen, hat sich für die Serben als furchtbarer Bumerang erwiesen. Mit Mann und Ross und Wagen, die oft nur auf blanken Felgen heimwärts rumpeln, haben die Kosovo-Albaner auch jene Skeptiker belehrt, die erwarteten, dass die Flüchtlinge lieber in den Westen sickern, als in ihre verwüstete Heimat zurückzukehren. Nie zuvor in der Geschichte hat es eine solche Rückflut von Vertriebenen gegeben. Was unmöglich schien, haben die Albaner sofort erledigt: ihre Äcker wieder unter Hacke und Pflug genommen. Das Wunder wird länger dauern, wenn es überhaupt gelingt: Sie müssen das Land neu gestalten, Verwaltung und Staatswesen neu aufbauen. Ihre Gesellschaft aber wurzelt seit jeher nur in Feld und Familie. Administriert hatte Belgrad, seit Jahren vor allem mit Repressalien. Nun verlassen die Serben in Scharen die Wiege ihres mittelalterlichen Staates und ihrer orthodoxen Kirche. Eine Provinz von der Größe der Oberpfalz erlebt den zweiten Massenexodus innerhalb von drei Monaten. Die Serben, die hier seit Jahrhunderten Wurzeln geschlagen haben, sind zu Milocevics letzten Opfern im Kosovo geworden. Ein endloser Bandwurm heimkehrender albanischer Gefährte kriecht von Suvareka zu jener Anhöhe bei Dulje hinauf, an der die Reporter des stern feigen Heckenschützen zum Opfer gefallen waren. Der Tross windet sich mühevoll durch deutsche Panzersperren, aber die Kinder, Frauen und Alten auf den Anhängern jubeln und skandieren: "Nato - UÇK". Mitten in diesem tragikomischen Karnevalszug fahren Wagen, auf denen es stumm bleibt. Frauengesichter, so verzweifelt wie vor fast drei Monaten an den albanischen und mazedonischen Grenzübergängen. Es sind serbische Flüchtlinge, die im albanischen Konvoi ihre Heimat gen Norden verlassen. Am nächsten Morgen verhandelt Momˆilo Trajkovic, der Führer der serbischen Widerstandsbewegung im Kosovo, die sich seit Jahren gegen Milocevics Politik gewendet hat, in Regen und Schlamm an einem britischen KFor-Stützpunkt vor Prishtina. Über den Stacheldraht trägt er die Bitte einer Gruppe Serben aus Prizren vor. Sie verlangen von der KFor sicheres Geleit bis zur Grenze. "Die Deutschen haben nur gegrinst, als wir Prizren unter den Drohungen der UÇK verließen", sagt einer von ihnen. Trajkovic kehrt zu der Gruppe zurück und appelliert noch einmal: "Bitte bleibt im Kosovo!" - "Danke, danke", murmelt das Häuflein, "wir haben uns schon entschieden." An der orthodoxen Kirche von Bresje bei Kosovo Polje, der serbischen Industrieansiedlung aus der Nachkriegszeit, appellierte ein englischer General demonstrativ an rund tausend Serben. "Ihr befindet euch in einem beispiellos kritischen Moment eurer Geschichte", donnerte er sie an. "Die KFor ist hier, um alle Gemeinschaften zu schützen, und wird von keiner Seite Druck dulden. Als Mann in Uniform kann ich euch versichern, dass ich für mein Land physische Risiken übernehme - ihr könnt jetzt den gleichen Mut für euer Land beweisen. Jeder, der seinen Platz verlässt, macht unsere Arbeit schwerer." Der schneidige Auftritt löste Beifall aus, aber er hellte die Mienen nicht auf. Der Mann ist nie bis Pec gekommen. Er hat nicht mit eigenen Augen gesehen, wie die Furcht der Serben von ihrem schlechten Gewissen gespeist wird - selbst wenn sie sich persönlich nichts zuschulden kommen ließen. Pec, das albanische Peja, die märchenhaft gelegene Stadt in der Nähe zu Montenegro, ist nur noch eine Geisterstadt. Zerschossen, geplündert, verbrannt. Die Albaner sind weg, die wenigen Serben wissen nicht, wohin. Vor der Rache der UÇK, die hier kaum zu bremsen und zu entwaffnen sein wird, sind sie geflüchtet - in das unzerstörte Zentrum der serbisch-orthodoxen Kirche. Am vergangenen Freitag ist der greise Patriarch Pavle aus Belgrad hierher gekommen, um seine Landsleute im Kosovo zu halten. Der 84-Jährige, der Milocevic nie ein wirklich mutiges Wort entgegnet hat, sagt zu wenig zu spät. Das Gesicht aschgrau, die Augen halb oder ganz geschlossen, formuliert er stockend: "Die bösen Dinge, die hier geschehen sind, verlangen von uns die allergrößte Sorge, damit wir weiter zusammenleben können. Die Schuldigen müssen der Justiz in Frieden zugeführt werden." Wir fragen: "Werden die Serben im Kosovo bleiben?" - "Ich hoffe", sagt der Patriarch fast hauchend, "ich habe den italienischen Kommandanten gebeten, allen Frieden zu bringen." Allen den Frieden bringen - da steht denn doch die UÇK vielerorts vor. Unterhalb des Klosters, im zerstörten Pec, residieren die Freischärler in ungeahnter Pracht. Welches Geschick den neureichen Palast mit Treppen und Fliesen aus spiegelndem Marmor auch immer verschont haben mag - in diesem früheren Presseclub hängen sogar noch die Genrebilder von Venedig in armdicken Rahmen an den Wänden. Unter ihnen sitzt Agun Elshani, der 36-jährige stellvertretende Kommandant der 133. Brigade. Für ihn und die UÇK ist die Lage im leeren Pec besonders deprimierend, weil ein großer Teil der Bevölkerung nicht so schnell zurückkehren kann wie anderswo, um die Trümmer zu beseitigen und der Stadt neues Leben zu bringen. Denn ein großer Teil der Bewohner ist nach Montenegro geflohen, und dort versperren serbische Einheiten die Grenzen. Darum haben die Freischärler hier noch einen Grund mehr, sich an der serbischen Bevölkerung zu rächen. "In Pec kann es keine Entwaffnung geben", sagt Elshani. Er hat dafür dieselbe Begründung wie der Kommandant von Djakova: "Hier bei uns sind Paramilitärs in Zivilkleidung untergetaucht. Wir haben einige Gesichter erkannt. Gut möglich, dass sie Anschläge und Sabotageakte vorbereiten." In Suvareka, der nordwestlichsten Stadt der deutschen Zone, trägt der neue Präfekt des Ortes, Muhamet Veliu, zwar keine Uniform. Dafür aber war die schwer zerstörte Stadt bis Anfang dieser Woche im festen Griff der Freischärler. Vor der großen Reifenfabrik und den anderen verlassenen Unternehmen patrouillierten und posierten die zurückgekehrten Untergrundkämpfer im großen schwarzen Revoluzzerlook, die Kalaschnikows im Anschlag oder auf den Knien. Für den früheren Biologielehrer Muhamet Veliu ist die Sache klar. Er hat mit fast 10 000 Flüchtlingen monatelang in den Wäldern ausgehalten. "Nachts holten unsere Kämpfer Lebensmittel aus den leer stehenden Häusern, viele kamen von diesen Missionen nicht zurück." Da sei es schließlich selbstverständlich, dass die Bevölkerung nur die UÇK als Ordnungsmacht wünsche. "Wir bringen unsere Rückkehrer an von uns freigegebene Plätze, schon damit sie nicht in momentan verlassene serbische Häuser ziehen. Und von den deutschen Soldaten haben wir rote Armbinden bekommen, um die Dinge zu regeln." Die letzten Serbinnen warten, dass jemand sie mitnimmtRechts von der provisorischen Stadtverwaltung stehen zwei ältere Frauen am Bürgersteig. Sie haben sich von der Straße abgewandt und blicken halb verschämt, halb verzweifelt über die Felder. Nur wenn sich ein Auto nähert, wenden sie den Kopf. Es sind die letzten beiden Serbinnen der Stadt. All ihre Landsleute sind schon weg. Seit Stunden warten sie auf eine Mitfahrgelegenheit - nur raus aus dem Kosovo. Oben auf der Anhöhe will die Bundeswehr nichts hören und nichts sagen. Nichts über die Serben, nichts über die roten Armbinden. Der Soldat auf dem Leopard, der mit dem Feldstecher über das wellige Gelände späht, bittet darum, den Wagen aus der Schusslinie zu nehmen. Hinter dem Panzer lugt eine Frau hervor, die mehrere Kinder bei sich hat. Sie kommt aus der Deckung. Gestern sei sie mit der Familie aus Albanien zurückgekehrt, nachdem sie dort gehört habe, dass ihre Eltern von der UÇK festgenommen wurden. Das sei geschehen, weil ihr Bruder für die Serben arbeite und mit ihnen abgezogen wäre. Ihr Mann habe die Freischärler in Suvareka sofort nach der Ankunft um Auskunft über die Eltern gebeten, sei daraufhin abgeführt worden und verschwunden. Sie selbst wage sich nun nicht mehr in die Stadt, weil sie befürchte, dass die Kinder dann auch noch ihre Mutter verlören. Einst übten die Albaner Blutrache - jetzt folgen dem Krieg die Sippenhaft und mancherorts Pogrome. Am vergangenen Freitag beobachteten Soldaten der deutschen Einsatzbrigade in Prizren verdächtige Bewegungen in einer Kaserne, die laut Vereinbarung längst von der UÇK geräumt sein sollte. Am Nachmittag nahm eine Bundeswehreinheit das Gebäude im Handstreich. Sie stieß dabei nicht nur auf ein Munitionslager der UÇK, sondern auch auf 15 übel zugerichtete Albaner. Sie hatten mit den Serben kollaboriert und waren dafür tagelang gefoltert worden. Ihre Rücken waren von Striemen und Blutergüssen überzogen, die Oberschenkel wiesen Brandwunden auf. Die deutschen Soldaten entwaffneten die Freischärler, zu denen auch eine Frau gehörte, unterzogen alle einer Leibesvisitation und nahmen ihnen die Pässe ab. So endete in Prizren der Honeymoon zwischen den deutschen Soldaten und der UÇK. Nirgendwo war die Armee aus dem Untergrund bis dahin so waffenstrotzend und protzend ins Rampenlicht getreten wie in der Innenstadt von Prizren. Während die Briten in Prishtina der UÇK von Anfang an untersagt hatten, im Stadtzentrum Waffen mitzuführen, stellten sich die Deutschen zunächst einmal auf den Standpunkt, dass sie kein Mandat für die Entwaffnung der neuen Herren besäßen. Eingreifen nur dann, wenn sich die UÇK in unsere Aufgaben einmischt - so lautete die erste Parole. Das war der Fall, als eine deutsche Einheit drei verwundete Serben fand und in ein Krankenhaus brachte. Dort beanspruchten Freischärler die Verletzten als ihre Beute. In diesem Fall machten die Soldaten kurzen Prozess: Sie entwaffneten die Postguerilleros und jagten sie davon. In Prizren hatten die Deutschen schon in der vergangenen Woche einen Runden Tisch eingerichtet, an den sie auch den selbst ernannten UÇK-Präfekten der Stadt luden. "Es gibt hier ja vorerst keinerlei Verwaltung", begründete das ein deutscher Presseoffizier, "keinen Staatsanwalt, keine Richter. Die Fabriken rufen an und fragen uns, ob sie wieder produzieren dürfen. Wir sind hier, um ein Friedensabkommen zu sichern, aber im Grunde müssten wir auch noch die Mülleimer leeren." Zu Beginn dieser Woche hat die Führung der bisherigen Untergrundarmee sich verpflichtet, ihren Status als bewaffnete Kraft aufzugeben. General Jackson und der heimgekehrte Rambouillet-Unterhändler Hashim Thaçi, den die UÇK in eigene Machtvollkommenheit zum "Ministerpräsidenten" ernannt hatte, unterzeichneten ein Abkommen über den Zeitplan der Entmilitarisierung. Innerhalb von 30 Tagen müssen alle schweren Waffen in Depots gebracht werden, in 90 Tagen auch die leichten Waffen abgeliefert sein. Nur einfache Jagdgewehre darf die UÇK behalten. Papier ist geduldig - und Albaner sind nicht zu entwaffnen. Nur wer eine eigene Waffe hat, kann die Sicherheit seiner Familie garantieren - dieses alte Credo des aus den Bergen gekommenen Reliktvolkes hat in den vergangenen Jahren für alle Kosovo-Albaner eine blutige Neufassung erhalten. Waffen waren einst das einzige Gut, das die Männer dieser Gesellschaft besitzen durften. Der Hausvater führte die Großfamilie, alle anderen Männer mussten jeden Verdienst abliefern. Nur über ihr Gewehr konnten sie frei verfügen. An dieser Vorgeschichte liegt es, dass sich das Imponiergehabe der triumphierenden Freischärler noch stärker als anderswo auf ihre Waffen stützt. Selbst heimkehrende Flüchtlingstrecks bekommen den Siegestaumel und die Arroganz vor allem jüngerer Militaria-Protze auf den Landstraßen zu spüren. Mit roten Stirnbändern, die Karabiner aus den Wagenfenstern schwingend, rasen sie nicht selten in waghalsigem Zickzackkurs zwischen den Konvois hindurch und drängen die Pferdefuhrwerke ihrer Landsleute rücksichtslos an die Seite. In einer der engen orientalisch anmutenden Gassen am Ende der Altstadt von Prishtina zweigt ein steiler Weg zu den Hinterhöfen ab. Rechts und links grenzen ihn verrostete Wellblech-Blenden ein. Plötzlich ist das Blech weg, und wie eine Fata Morgana öffnet sich ein grünes Tal voller noch unverputzter, aber pompöser Großfamilienhäuser. Mittendrin liegt ein weiß gekachelter Palast. Diesen Sitz eines Geschäftsmannes hat die UÇK-Führung von Prishtina zu ihrer Residenz erkoren. Die Wächter, ländliche Mischungen von Machos und Gauchos, sind ebenso freundlich wie wichtigtuerisch. Nur das saubere Singen der Hymne fällt ihnen noch hörbar schwer, wenn sie frühmorgens um sieben Uhr die Fahne hissen. Für die Albaner ist die Familie alles - der Staat dagegen nichtsIm Palast sonnt sich der UÇK-Kommandant von Prishtina im Scheinwerferlicht. Der 28-jährige UÇK-Veteran Rustem Berisha, genannt Remi, würde am liebsten gleich weiter marschieren. Er fordert die Befreiung auch der albanisch besetzten Gebiete in den Nachbarländern, also in Mazedonien und Montenegro. Kämen Leute seines Schlages an die Macht, würde das Tal der Neureichen, das die Albaner Kolovica e re nennen, wohl schon bald zum Funktionärsviertel eines balkanischen Regimetyps zwischen Clan und neuer Klasse. Zum Glück sind inzwischen gemäßigtere und erfahrenere Politiker zurückgekehrt. Doch auch sie sind zerstritten und haben schon begonnen, um die Macht zu rangeln. Manches spricht dafür, dass sie bald nach alter Sitte aufeinander prallen werden, ohne Kompromissbereitschaft und ohne vermittelnde Institutionen. Die Friedenssicherung zwischen ihnen wird nun auch zu den Aufgaben der KFor gehören. Denn so unaufhaltsam wie die Kosovo-Albaner ihr geschundenes Land schon wieder bestellen, so ungeübt und unsicher werden sie mit dem Staat und seinen Institutionen umgehen. Die staatliche Ordnung hat für sie, die mit Ausnahme der späten Tito-Jahre besetzt und nicht an der Macht beteiligt waren, noch keinen positiven Wert. Der Clan lebt für sich selbst, die Familien helfen einander. Doch die Verantwortung für die Gemeinschaft endet außerhalb der vier Wände. So ist das Bewusstsein lokal begrenzt geblieben, von Belgrad zusätzlich abgeschottet gegen den staatspolitischen Wertekanon der Welt. Der Kampf der UÇK gegen Milocevic hat daran noch nichts geändert. Deshalb geht es jetzt nicht um den Wiederaufbau des Kosovo, sondern um einen völligen Neubeginn. Nur wenn sich auch die UÇK dem unterordnet, haben die Menschen die furchtbaren Opfer nicht umsonst gebracht. |
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