Shopping in Kosovo - bald auch für Serben
Veton Surroi, der Herausgeber von "Koha Ditore", ist aus Kosovos Trümmern aufgetaucht.
Er malt eine Zukunft, nicht rosig, aber voller Leben.
Mit Veton Surroi sprach Anthony Borden*
Sie waren die ganzen 77 Kriegstage lang in Pristina, wechselten mehrmals das Versteck. Hatten Sie sich je vorgestellt, dass die Nato-Bombardements so lang dauern könnten?
Offen gesagt, nein. Ich hatte den jugoslawischen Präsidenten Slobodan Milosevic falsch eingeschätzt und die westliche Militärallianz überschätzt. Ich dachte, die Nato käme viel rascher zum Ziel. Doch in der ersten Woche sahen die aus wie die barmherzigen Schwestern. Ich bin fast übergeschnappt, als die sich entschuldigten, sie könnten nicht fliegen wegen der Wolken. Eine serbische Polizeieinheit äschert ein Dorf im Handumdrehen ein, und die kreisten da oben, auf 4500 Meter Höhe, und bombardierten Fernsehsender. Es war mühsam.
Und als die Nato in Pristina einrückte?
Oh, das war der Einzug der Heiligen.
Hat sich aus dem, was seit Rambouillet geschah, für die Albaner ein politischer Gewinn ergeben?
Hätte Milosevic das Friedensabkommen von Rambouillet akzeptiert, wäre der Übergang viel sanfter gewesen. Wir hätten uns darauf konzentrieren können, Institutionen aufzubauen statt Dörfer und Städte. Nun haben wir eine dezimierte Bevölkerung. Wer überlebt hat, ist zunächst damit beschäftigt, sein geplündertes Haus zu reparieren, oder, wenn er ein verbranntes Haus vorfindet, aus den Ruinen neu anzufangen. Manch einer muss erst seine toten Angehörigen bestatten.
Die Kosovo-Albaner haben überdies ein ungelöstes Führungsproblem. Und die Leute in der internationalen Verwaltung, der wir in den nächsten drei Jahren unterstehen sollen, müssen erst einmal ihr Jobprofil umreissen. Da ist ständig die Rede von "einer Art Autonomie" für Kosovo. Aber das heisst bloss, dass man darüber noch gar nicht wirklich nachgedacht hat. Die westlichen Militärs haben ihre Pflicht getan. Die Zivilisten indes, die einer politischen Lösung den Weg bereiten sollten, sind säumig.
Die Untergrundarmee UCK übernimmt Kompetenzen auf Gemeindeebene und etabliert die provisorische Regierung von Hashim Thaci, doch ohne demokratische Legitimation. Fürchten Sie, die UCK gelange unkontrolliert an die Macht?
Keine Instanz, die einfach so Dinge übernimmt, ist demokratisch legitimiert. In Kosovo haben wir zurzeit ein Machtvakuum. Viele wollen es füllen, besonders so dynamische Kräfte wie die UCK.
Umso wichtiger wäre es, dass die zivile Übergangsverwaltung für Kosovo, die unter Leitung von Uno-Generalsekretär Kofi Annan aufgebaut wird, rasch funktioniert.
Sicher, nur dürfte es nach dem Gesetz der Trägheit noch eine Weile dauern, bis es so weit ist. Mit dem Resultat, dass die internationale Verwaltung zwischen zwei schlechten Möglichkeiten wird wählen müssen. Entweder sie anerkennt die neuen Initiativen, die neuen Realitäten vor Ort und arrangiert sich damit unter bestimmten Bedingungen. Oder sie verweigert den neuen Kräften die Anerkennung und lässt Michael Jackson, den Nato-Oberbefehlshaber für Kosovo, gegen sie antreten. Das freilich dürfte den General kaum freuen.
Entweder man engagiert die albanischen Autoritäten, oder man entmachtet sie - auf die Gefahr hin, dass unter den Albanern auch keine neue politische Kultur entstehen kann. Gibt es eine andere Wahl?
Beide Alternativen sind schlecht. Ideal wäre eine starke internationale Verwaltung für Kosovo. Stufenweise würde sie Macht abtreten an ein Gremium, das sich bei den anfallenden Aufgaben auf ein Einverständnis unter den Einheimischen stützte. Doch eine starke internationale Verwaltung ist nicht in Sicht. Wer ein Problem nicht lösen will, setzt dafür vorzugsweise eine Arbeitsgruppe ein. Auf Teams, die "Neuland" erkunden, um dann ihre Flagge aufzupflanzen, haben wir hier gewiss nicht gewartet. Genau in diese Richtung bewegen sich nun aber die internationalen Bemühungen. Statt dass am ersten Tag einer gekommen wäre und gesagt hätte: "Seht, Gentlemen, ich bin euer Administrator für den Übergang, das und jenes will ich erreichen und dafür brauche ich eure Kooperation."
Hat sich Sergio de Mello, der Uno-Sonderbeauftragte für Kosovo, nicht in diesem Sinn geäussert?
De Mello ist der Interim zum Interim, die Zwischenlösung für eine Verwaltung, die selbst Zwischenlösung sein wird. Das ist die Krux. Es geht um unsere Zukunft, nicht um eine Personality Show.
Was ist mit den Albanern - sind sie der politischen Verantwortung gewachsen?
Das ist die 1000-Dollar-Frage.
Ihre Landsleute haben eine provisorische Regierung gebildet, ist das legitim?
Mein Massstab für Legitimität sind Wahlen. Die können wir aber selbst im günstigsten Fall nicht vor dem nächsten Frühling haben. So basiert einstweilen alles auf Übereinkünften. Innerhalb unserer Rambouillet-Delegation gab es drei politische Gruppierungen: die UCK, die von Rexhep Cosia angeführte Vereinigte Demokratische Bewegung (LBD) plus weitere kleinere Parteien sowie die Demokratische Liga des Kosovo (LDK). Alle zusammen kamen damals überein, eine Übergangsregierung nach dem Konsensprinzip zu bilden. Die ersten zwei Gruppen haben inzwischen eine Regierung bestellt mit Hashim Thaci an der Spitze. Doch wenn der Konsens gelten soll, muss auch die dritte Gruppe zustimmen. LDK-Chef Ibrahim Rugova hat also eine Veto-Macht, die er nicht ohne weiteres aus der Hand geben wird.
Kann die internationale Gemeinschaft helfen, die Thaci-Fraktion und die Rugova-Fraktion zusammenzubringen?
Dafür wäre ein Übersetzer vom Albanischen ins Albanische nötig. Bisher habe ich nur ein Arbeitsfrühstück gesehen.
Wird der UCK die Umwandlung in eine klassische politische Partei gelingen?
Die UCK ist politisch nicht homogen. Ihre Mitglieder kamen von unterschiedlichen Parteiströmungen her. Die Leute werden nun wieder den politischen Zentren zustreben, doch die sind schwach und insofern mehr symbolisch als real.
Braucht es eine neue Partei?
Ich wünschte mir eine Umwandlung wie seinerzeit in Spanien. Dort bildeten viele politische Bewegungen, selbst extreme, den Grundstock von Parteien, die sich schliesslich gestrafft und eng an das europäische Modell von links und rechts angelehnt haben. In Kosovo ist das allerdings unrealistisch. Bei uns wird es vorläufig heissen: "Vor zehn Jahren hat mich ein Polizist auf den Kopf geschlagen, darum sollte ich jetzt euer Kandidat sein." Oder: "Ich habe gekämpft." Oder: "Ich war im Gefängnis." Verfolgung wird ein Identität stiftendes Element sein. Es wird einige Zeit dauern, bis die Politiker merken, dass sich Stimmen auch gewinnen lassen, indem man dem Volk erklärt, wie die öffentliche Fürsorge finanziert werden soll.
Kosovo ist derzeit ohne Verwaltung?
In der Tat, General Jackson ist bisher der einzige Administrator, der diesen Namen verdient. Er weiss genau, was er tut.
Folglich bleiben im Alltag eine Menge handfester Probleme, die niemand löst.
So ist es. Beispielsweise hatten wir in Pristina eine Woche lang kein Wasser. Da machte einem als Bürger nicht bloss ein Mangel Kopfzerbrechen, sondern auch die Frage: Wen rufe ich an: Jackson, die Städtischen Werke oder wen sonst?
Vor zehn Jahren haben die Serben den Albanern Stellen weggenommen. Wie wollen Sie in diesem Punkt Gerechtigkeit schaffen?
Die Schwierigkeiten beginnen schon beim lokalen Kino. Von ursprünglich zwölf Beschäftigten haben sie dort sechs Albaner rausgeworfen. Dafür haben sie fünf Serben mehr und, sagen wir, einen Türken angestellt. Theoretisch müssten nun natürlich alle ihren Job wieder erhalten, die man hinausgeekelt hat. Doch von den sechs Albanern sind die einen heute vielleicht in einem Flüchtlingslager, die andern emigriert. Und sogar wenn sämtliche zurückkehrten - wer würde sie im nächsten Monat bezahlen? Die Uno-Administration? Wenn de Mello jetzt gleich ein Budget einreichte, bekäme er das Geld wohl erst in einem Jahr.
Das alles sind Probleme, die man früher, unter Vereinbarung gemeinsamer Regeln, leichter hätte bewältigen können. Jetzt geht es um Dekolonisation nach einem Krieg. Das Chaos wird sich erst allmählich entwirren lassen.
Hat Kosovo seine Unabhängigkeit gewonnen?
Dies ist das Ende des Osmanischen Reiches und der Übergang zu einem postmodernen Staat. Nennen Sie Kosovo, wie Sie wollen! Die Menschen beginnen die Trugbilder der letzten zehn Jahre zu durchschauen. Sie sehen, dass es ein Jugoslawien nicht mehr gibt. Titos Staat, der diesen Namen trug, zerfiel in einem langen, schmerzvollen Prozess. Das Land, das sich heute so nennt, hat zwar immer noch Titos Flagge, doch wird es von Serbien beherrscht und einem angeklagten Kriegsverbrecher, der es in die Isolation führte. Montenegro ging aus der Krise als gefestigte Demokratie hervor, Kosovo als internationales Protektorat. Für Gross-China hat Deng Xiaoping die Formel der zwei Systeme in einem Land geprägt. Ich kann mir vorstellen, wie Kosovo und Montenegro kompatibel werden könnten. Im Moment aber haben wir ein Land mit drei völlig verschiedenen Systemen.
Weshalb ziehen die Serben aus?
Mir ist nicht wohl dabei, und ich will nicht beschönigen, was auf unserer Seite an Unrecht geschieht. Trotzdem, die UCK hat den Exodus der serbischen Bevölkerung aus Kosovo nicht ausgelöst. Es wäre unfair zu behaupten, die Albaner hätten die Serben vertrieben. Es geht schlicht darum, dass das Pendel umschlägt. Auch das ist Teil des Spiels, das Milosevic und sein Machtklüngel gespielt haben. Milosevic hat auf alles oder nichts gesetzt, und er hat verloren. Auch seine Leute hier haben auf alles oder nichts gesetzt, und sie haben verloren.
Nun sollen sie büssen?
Faschismus kann sich nicht zehn Jahre lang halten ohne breite Unterstützung. Die serbische Bevölkerung hat mehrheitlich ein faschistisches Regime gestützt. Ich glaube an kollektive Verantwortung, doch glaube ich nicht an kollektive Bestrafung. Ich bin nicht der Meinung, die Serben hier müssten Kosovo verlassen, nur weil sie ein faschistisches System mitgetragen haben. Über den Internationalen Gerichtshof in Den Haag wird es hoffentlich möglich sein, jene Einzeltäter dingfest zu machen, die Leben versehrt und vernichtet haben.
Sie sprachen auch von Dekolonisation.
Das ist eine Realität: Zehn Jahre lang konnten Serben in Kosovo schalten und walten, wie sie wollten. Eine Minderheit unter zehn Prozent auferlegte der Mehrheit von 90 Prozent ihre Regeln. Nun sehen sich die Kolonialisten von einst über Nacht all ihrer Privilegien beraubt. Zudem müssen sie befürchten, dass die eben noch Geschlagenen und Gepeinigten ein gutes Gedächtnis haben werden. Darum ziehen viele Serben aus und reissen andere mit, die vielleicht bleiben möchten. Zunächst lässt sich diese Kettenreaktion kaum stoppen. Doch es ist wichtig, dass die internationale Verwaltung und die Albaner selbst die Türe offen halten.
Sie meinen, die Kosovo-Serben sollten in ihre Heimat zurückkehren?
Klar, sie sind eingeladen, gemeinsam mit uns die Risiken zu tragen
beim Aufbau einer Demokratie. Die meisten Serben aus Kosovo werden es
in Serbien ohnehin nicht lange aushalten, die merken rasch, dass das
ein lausiger Platz ist. Und wer weiss, vielleicht kommen in ein paar
Monaten schon die ersten Serben aus Serbien zu uns zum Shoppen.
Veton Surroi
Vor Jahren hat
der Schriftsteller Veton Surroi "Koha Ditore" gegründet,
eine Tageszeitung, die fortan in Pristina herauskam. Sie wurde
zu einem Manifest kosovo-albanischen Selbstvertrauens.
An den
Friedensverhandlungen von Rambouillet und Paris in diesem Frühling
nahm Surroi teil als eines von zwei politisch unabhängigen
Mitgliedern der albanischen Delegation. Der heute 38-Jährige
soll der gute Geist gewesen sein, der heisse Köpfe auch in
den eigenen Reihen immer wieder besänftigte. Höflich
sei er und doch warm, sagen Freunde. Er habe die eher seltene
Fähigkeit, "sich auch in die Sorgen und Nöte der Gegenseite
hineinzudenken", attestiert ihm die aus Belgrad stammende Verfassungsrechtlerin
Lidija Basta.
Nach
Beginn der Nato-Bombardements am 24. März galt Surroi wie
alle albanischen Mitglieder der Rambouillet-Delegation als hochgradig
gefährdet und schliesslich als verschollen. Trotzdem blieb
er, wie sich jetzt gezeigt hat, die ganze Zeit in Pristina versteckt,
von einem Unterschlupf zum andern fliehend. Der schlimmste Augenblick?
"Ich hatte mich gerade in einem Haus mit vier Familien einquartiert
und nahm wahr, dass ich sie mitgefährdete. Da war ein 13-jähriger
Bub. Was hat dieses Kind mit deiner moralischen Überzeugung
zu tun?, sagte ich mir und sah zu, dass ich weiterkam." (msl)
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