Im Oktober 1925 trafen sich die Regierungsspitze und aussenpolitischen Delegationen von sieben europäischen Ländern in der kleinen Stadt Locarno zu einem Friedensgipfel, dessen Ziel es war, eine Verständigung zwischen den europäischen Mächten herbeizuführen, um eine Rückkehr des Krieges auf den Kontinent zu verhindern.
Während zwölf Tagen fanden Im Oktober 1925 in der Tessiner Gemeinde verschiedene Verhandlungen statt, die sich vor allem auf die Westfront konzentrierten (die Spannungen im Osten wurden absichtlich vernachlässigt) und deren Ziel es war, künftige deutsche Aggressionen zu verhindern, beispielsweise durch die Entmilitarisierung des Rheinlands.
Im Wesentlichen lässt sich sagen, dass Deutschland, Frankreich und Belgien gegenseitig darauf verzichteten, ihre Grenzen mit Gewalt zu verändern. Deutschland akzeptierte daher die im Versailler Vertrag festgelegten Grenzen im Westen und verzichtete auf Elsass-Lothringen. Im Falle eines Vertragsbruchs würden Grossbritannien und Italien der geschädigten Partei zu Hilfe kommen.
Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs trafen sich die ehemaligen alliierten Mächte mit Deutschland auf Augenhöhe – eine symbolträchtige Geste, die dazu beitrug, die Spannungen der Nachkriegszeit abzubauen.
Dies war ein frühes Beispiel von Multilateralismus nach dem Ersten Weltkrieg, in dem der Krieg als Mittel des politischen Handelns abgelehnt wurde und die Diplomatie Vorrang vor Strafe und Rache hatte. Mit dieser Reihe von Verträgen sollten Sicherheits- und Bündnisregeln aufgestellt werden, die die beteiligten Nationen dazu verpflichten sollten, die Grenzen der anderen zu respektieren und etwaige Konflikte durch Dialog und internationale Schiedsgerichtsbarkeit zu lösen.
Der Geist von Locarno – wie die Zeit der Hoffnung und des Optimismus in Europa in den 1920er Jahren im Anschluss an die Verträge später genannt wurde – herrschte, im Nachhinein betrachtet, nur kurz. Die Weltwirtschaftskrise der frühen 30er Jahre sowie die Militarisierung des Rheinlandes durch Nazi-Deutschland im Jahr 1936 und das Ausbleiben konkreter Massnahmen – trotz britischer und französischer Verurteilung – signalisierte die endgültige Kapitulation der Verträge.
Was können wir hundert Jahre nach diesen Ereignissen aus den Geschehnissen lernen? Dass internationale Verträge keine Ideale bleiben dürfen, die auf dem Papier stehen und in variabler Geometrie ohne Konsequenzen ignoriert werden können, sondern ein Instrument, das für alle gleichermassen gelten muss. Jeder Verstoss muss Konsequenzen haben, besonders in der heutigen Zeit mehr denn je.
