«Brutale Nachbarn» von José Brunner

Wie Emotionen den Nahostkonflikt antreiben – und entschärfen können. Eine Buchrezension von Noëmi Holtz

Keine der unzähligen Lösungsversuche in Westasien gelangen. Der Frage “weshalb” geht José Brunner in seinem Buch «brutale Nachbarn» nach.  Es wird verständlich, warum diese nicht gelingen konnten und welche emotionalen Grundlagen nötig sind, damit eine Perspektive entstehen kann.

Die notwendige Voraussetzung für Verständigung ist, den anderen wahrzunehmen. Das ist momentan auf Grund von – auch politisch aufgeheizten – Gefühlen auf beiden Seiten nicht gegeben. Das gilt sowohl für die Hamas-Ideologie wie auch für die – zur Zeit des Schreibens des Buches 2024 – in Israels Regierung dominierenden Kräfte. «From the river to the sea» – der andere soll am besten vom Erdboden verschwinden.

José Brunner beleuchtet sowohl die Geschichte der Palästinenser*innen wie auch die der jüdischen Einwanderer*innen Palästinas. Er fokussiert behutsam auf die zu Grunde liegenden Gefühle beider Seiten: existentielle Angst, Demütigung, Wut, Rache, Hass, Scham, Schuld, Überlebensschuld.

Dazu zwei Beispiele:

Das erste Kapitel, mit der Überschrift «die ‘überflüssigen’ Menschen von Gaza», beginnt mit Hannah Arendts Erfahrung des Staatenlos-Seins. Was es heisst, keine Rechte zu haben, wie existentiell das Recht auf Rechte ist, wie existentiell verunsichernd es ist, wenn diese fehlen. Hannah Arendt lebte dreizehn Jahre staatenlos.  

Die meisten Menschen in Gaza und auch die palästinensischen Geflüchteten in den umliegenden arabischen Ländern sind seit über 75 Jahren in diesem Zustand. Diese Entwertung, diese Demütigung prägt ihr Erleben seit Generationen, es ist eine kontinuierliche Nakba: eine existentielle Angst, rational begründet und eingeprägt in die Seelen.

Auch bei den jüdischen Einwanderer*innen  gibt es diese Erfahrung des andauernd Verfolgtseins: die sich wiederholenden Pogrome in Russland, in der Ukraine, der jahrhundertealte Antisemitismus im übrigen Europa, die Shoa, die Pogrome in den arabischen Ländern unter dem Einfluss der Nazis und dann die andauernden Kriege seit der Staatsgründung, mit der Kulmination in den Gräueltaten der Hamas ab dem 7. Oktober 2023.

Zentral ist nach José Brunner aber, wie damit umgegangen wird. Das erklärt er mit einer Fabel des marxistisch-jüdischen  Publizisten Isak Deutscher:

«Einst sprang ein Mann aus dem obersten Stockwerk eines brennenden Hauses, in dem bereits viele seiner Familienmitglieder umgekommen waren. Es gelang ihm, sein Leben zu retten, beim Aufprall auf den Boden stiess er jedoch in eine dort stehende Person und brach ihr Beine und Arme. Der springende Mann hatte keine Wahl. Für den Mann mit den gebrochenen Gliedern war er aber die Ursache des Unglücks. Hätten sich beide vernünftig verhalten… (S.149)»

Aber: Sie verhielten sich bei fast jeder historischen Gelegenheit kontraproduktiv, wurden von Opfer- oder Rachegefühlen getrieben, handelten nicht rational. 

Immer wieder betont José Brunner das Machtgefälle, das bei allen Ähnlichkeiten zentral mitgedacht werden muss.

José Brunner differenziert den heute so oft gebrauchten, aber im politischen Kontext kaum verstandenen Begriff «Trauma». Er beschreibt die verschiedenen Ausprägungen, je nach Ereignis, der Vorgeschichte der Betroffenen und den Möglichkeiten, sich wieder sicher zu fühlen. 

Einfühlsam erklärt er die verschiedenen Gefühle und den andauernden traumatischen Stress. Während in Israel Strukturen bestehen, wie Traumatisierten zumindest ein bisschen geholfen werden kann, ist das in den besetzten palästinensischen Gebieten nicht möglich, weil es kaum mehr sichere Orte gibt. Weil Psychotherapeut*innen getötet wurden und/oder weitgehend selbst schwer traumatisiert sind. 

Auf beiden Seiten entstand eine Opferkultur, die politisch geschürt und missbraucht wird.

Brunner sagt, was jetzt ansteht:  Verordnete «Lösungen» scheiterten, Anwar el Sadat wurde erschossen, Jitzchak Rabin wurde erschossen. Frieden von oben herab ist im emotional aufgeheizten Klima chancenlos. 

Es braucht Raum zum Trauern, Raum für das gemeinsame Trauern. Damit kann die Einsicht wachsen, dass beide Seiten Opfer und Täter sind. 

So kann auch die Verantwortung für das eigene Handeln wachsen und damit die Wahrnehmung des anderen. Erst wenn das von unten hinauf, also von den Zivilgesellschaften geleistet wird, kann ein Miteinander entstehen. Am Beispiel der Verhandelnden der Oslo Verträge zeigt Brunner im Kleinen, wie das damals gelingen konnte.

José Brunner bietet keine schnellen Lösungen an. Gerade deshalb sind die Lektüre und die breite Diskussion seiner Anregungen wärmstens zu empfehlen. 

Das grösste Risiko dabei ist, dass neben dem Verständnis dieser chronisch umkämpften Region auch etwas für den politischen Dialog in der Schweiz angeregt wird. 

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