Die Schweiz lieferte 2025 Kriegsmaterial im Wert von 948 Millionen Franken an 64 Länder. Doch welche Waffen verstecken sich hinter diesen Zahlen?
Herauszufinden, was die Schweizer Rüstungsindustrie genau wohin exportiert, ist gar nicht so einfach. Die Firmen sind äusserst verschwiegen und geben meist keine Auskunft über ihre Geschäfte. In der Regel werden entsprechende Anfragen mit dem Verweis auf «Wettbewerbsgründe» abgewehrt. Detaillierte Zahlen zu einzelnen Firmen liefert darum vor allem eine Quelle: der Rüstungsreport der WOZ. Die Redaktion erstreitet die Rohdaten vom SECO seit Jahren über das Öffentlichkeitsgesetz und füttert damit ihre frei zugängliche Datenbank. Dort kann nachgeschaut werden, welche Rüstungsfirmen wie viel Kriegsmaterial exportieren.
Munition
Seit Jahren macht die Kategorie ‘Munition’ den grössten Anteil der Schweizer Kriegsmaterial-Exporte aus. Im Jahr 2025 bestanden 43 Prozent des gesamten exportierten Kriegsmaterials aus Munition. Der Branchenführer bei der Munition ist die RWM Schweiz AG. Die Rheinmetall-Tochter hat ihren Sitz in Zürich und ein Werk in Altdorf UR. Zusätzlich testet sie die Munition auf dem Rheinmetall-Testgelände auf dem Ochsenboden im Kanton Schwyz. Sie stellt Mittelkaliber-Munition für Heer, Marine, Luftwaffe und Luftabwehr her, darunter «intelligente» Munition mit programmierbaren Zündern.
Ein Beispiel dafür ist die AHEAD-Munition, die in Zürich entwickelt wurde. Ihr Zünder wird entsprechend der Entfernung zum Ziel im Bruchteil einer Sekunde vor dem Verlassen des Laufs programmiert, damit das Geschoss kurz vor dem Ziel kleinere Projektile freigibt. Dadurch wird die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass kleinere Ziele getroffen werden. Rheinmetall bewirbt diese Munition mit dem Label «combat proven», was bedeutet, dass sie sich im Kampfeinsatz bewährt hat. Waffen, die diese Munition verschiessen können, beschafften sich zuletzt unter anderem Taiwan, Deutschland und Ägypten.
Panzer
Zweitgrösste Kategorie sind gepanzerte Fahrzeuge, die 2025 rund einen Viertel der Kriegsmaterial-Exporte ausmachten. Hier prägt ein einziges Produkt aus Kreuzlingen den Weltmarkt: der Radschützenpanzer Piranha. Dieser Panzer wurde von der Mowag GmbH mit Sitz in Kreuzlingen entwickelt. Seit 2003 ist die Firma Teil des US-Rüstungskonzerns General Dynamics European Land Systems (GDELS). Gemäss Mowag wurden mehr als 12’000 Exemplare dieser Radschützenpanzer an über zwanzig Armeen weltweit ausgeliefert. Damit gehört der Piranha zu den meistverkauften Schützenpanzern überhaupt, wobei er mittlerweile nicht mehr nur in der Schweiz hergestellt wird.
Am Beispiel des Piranhas wird klar, wo Kriegsmaterial landet, wenn der Export nicht strikt kontrolliert wird. 2011 setzte Saudi-Arabien beim Einmarsch in Bahrain Piranha-Fahrzeuge ein, die es einige Jahre zuvor bei der Mowag bestellt hatte. 2014 eroberte die Terrormiliz Boko Haram einen Piranha der nigerianischen Armee und zeigte ihn monatelang in Bekennervideos. Und Piranhas, die angeblich für eine humanitäre Mission der UNO in Haiti bestellt wurden, setzten eine brutale Spezialeinheit der brasilianischen Polizei stattdessen bei Razzien in den Favelas von Rio de Janeiro ein.
Granatwerfer
Alle weiteren Kategorien (Handfeuerwaffen, Raketen, Flugzeuge, etc.) machten 2025 jeweils weniger als ein Zehntel des Exportvolumens aus. Eine Firma, die vor allem Handfeuerwaffen herstellt, ist die B&T AG aus Thun. Die 1991 von Karl Brügger und Heinrich Thomet gegründete Firma war bis 2011 unter dem Namen Brügger & Thomet bekannt. Mit rund 90 Mitarbeitenden produziert sie unter anderem Maschinenpistolen, Scharfschützengewehre und Granatwerfer für Polizeikräfte und Armeen auf der ganzen Welt. Anfang Jahr machte der Granatwerfer GL06 von B&T Schlagzeilen, weil dieser von der US-Einwanderungsbehörde ICE gegen Demonstrierende eingesetzt wurde. Diese spezifischen Granatwerfer wurden jedoch nicht in Thun, sondern in einem Werk in den USA hergestellt und unterstehen deshalb nicht den Schweizer Exportregeln für Kriegsmaterial.
Die Rüstungsfirma hat jedoch bereits gegen das Kriegsmaterialgesetz verstossen. Der Firmengründer Karl Brügger wurde 2018 vom Bundesstrafgericht verurteilt, weil er beim Export von Scharfschützengewehren und Granatwerfern «unrichtige Angaben» gemacht hat. Brügger hat beim Exportgesuch angegeben, dass die Waffen an Neuseeland geliefert werden und dabei verschwiegen, dass sie von dort an Kasachstan weiterverkauft werden sollten. Der Bund hatte die Lieferung nach Kasachstan zuvor ausdrücklich verboten, da dem damaligen Staatspräsidenten des zentralasiatischen Landes Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen wurden.
Eli Gerber
Quellen
https://www.bernerzeitung.ch/thuner-waffenfirma-angeklagt-701359950714
https://www.tagesanzeiger.ch/waffen-aus-thun-sind-in-den-haenden-beider-kriegsparteien-676937032617
https://militaeraktuell.at/skyranger-rheinmetall-zeigt-fliegerabwehrsystem
