Marvin, Camila, Michael, Nzoy, Mike, Lamine, Hervé: Seit Jahren häufen sich die Namen von Menschen, die bei Polizeieinsätzen im Kanton Waadt ihr Leben verloren haben. Trotzdem ist man weiterhin kaum dazu bereit, die Polizei und die Justiz zu hinterfragen. Ende Sommer 2025 lösten der Tod von Marvin und die Enthüllungen über rassistische Äusserungen in Chatgruppen von Polizist*innen eine Welle der Empörung aus. Eine berechtigte Wut, die zeigt, wie dringend es ist, dass wir unsere Institutionen kritisch hinterfragen.
In der Nacht vom 23. auf den 24. August kam der Lausanner Jugendliche Marvin bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei auf seinem Motorroller ums Leben. Wenige Wochen zuvor starb am 30. Juni unter ähnlichen Umständen Camila, eine 14-jährigen Jugendliche, und am 25. Mai 2025 Michael, der in den Räumlichkeiten der Stadtpolizei sein Leben verlor.
Woher kommt die Gewalt?
Bereits am folgenden Abend versammelten sich rund hundert junge Menschen im Lausanner Quartier Prélaz, um ihre Wut in die Welt laut hinauszuschreien. Es kam zu Zusammenstössen mit der Polizei. Abfalleimer brannten. Die Bilder dieser beiden Nächte wurden schweizweit und sogar auch von internationalen Medien aufgegriffen. Während in vielen Medien von «urbaner Gewalt» die Rede war, stellt sich die Frage, was Gewalt überhaupt bedeutet. Denn bei diesen Ausschreitungen wurde niemand verletzt. Nüchtern betrachtet führten diese sogenannten «urbanen Gewaltdelikte» lediglich zu beschränkten Sachschäden – ein paar brennende Container, ein beschädigter Bus. Die Gewalt der Polizei hingegen verursachte den Tod eines jungen Menschen, den Verlust eines Sohnes, eines Freundes, eines Nachbarn. Diese Ausschreitungen bringen die Wut und Verzweiflung einer Jugend zum Ausdruck, die sich einer Polizei ausgeliefert fühlt, die tötet und dafür kaum Verantwortung übernehmen muss.
Die Wut, die in jenen Nächten ausbrach, entstand aus jahrzehntelanger Diskriminierung, alltäglicher Polizeikontrollen und wiederholter Demütigungen. Es ist die Wut der jungen Menschen, die es auch hätte treffen können – oder die befürchten, dass sie vielleicht als Nächste getroffen werden. Sie wissen, dass die Polizei fast immer straffrei davon kommt. Sie wissen, dass ihre Stimmen nie so viel Gewicht haben werden wie die der Polizist*innen. So etwa, als Beamt*innen behaupteten, Marvin sei gegen die Fahrtrichtung gefahren – eine Aussage, die wenige Stunden später widerlegt wurde[1]. Oder als die Polizei erklärte, Nzoy, der im August 2021 am Bahnhof Morges erschossen wurde, habe ein Messer in der Hand gehabt und sei auf die Beamten losgerannt. Ein Bericht der NGO Borders Forensics vom 25. August 2025, belegt jedoch, dass Roger Nzoy Wilhelm kein Messer trug und zu fliehen versuchte – im klaren Widerspruch zu den Schlüssen der offiziellen Strafermittlungen. Es ist die Wut der jungen Menschen, die wissen, dass auch die Justiz nicht auf ihrer Seite steht, dass die Schuldigen unbestraft bleiben. Wie im Fall von Mike Ben Peter: Die beteiligten Polizisten wurden freigesprochen – woraufhin sich einer von ihnen kurz danach in die Camila-Tötung verwickeln liess [2].
All diese Formen von Gewalt finden in den Medien weit weniger Beachtung – sie sind ja weniger spektakulär als brennende Müllcontainer. Doch die institutionelle Gewalt zwingt uns dazu, das Gespräch mit diesen jungen Menschen zu suchen, statt sie zu kriminalisieren – und unsere ganze institutionelle Landschaft neu zu denken.
Im Zentrum dieser Gewalt: struktureller Rassismus
Zufall oder nicht: Am selben Montag, dem 25. August, wurde bekannt, dass sich in Chatgruppen Dutzende Polizist*innen offen rassistisch, sexistisch, homophob und ableistisch äusserten und den Nationalsozialismus oder den Ku-Klux-Klan verherrlichten. Mit diesen Enthüllungen fiel endgültig die Maske. Man konnte sich nicht länger hinter dem Argument von «einigen wenigen faulen Äpfeln» verstecken. Selbst der Lausanner Stadtpräsident Grégoire Junod räumte ein: «Wir haben ein Problem mit systematischer Diskriminierung.»
Der Fall zeigt auch, wie notwendig gründliche Ermittlungen sind. Nur dank der Hartnäckigkeit des Anwalts Simon Ntah, der die Familie von Mike Ben Peter vertritt, wurde die Waadtländer Staatsanwaltschaft eingeschaltet und eine Untersuchung eingeleitet.
Zur Erinnerung: Marvin ist der fünfte schwarze Mann, der in zehn Jahren durch die Waadtländer Polizei getötet wurde. Es ist schlicht unglaubwürdig zu behaupten, dass Personen, die rassistische Sprüche und Bilder mit Kolleg*innen teilen, im Dienst frei von rassistischen Vorurteilen handeln. Diese Enthüllungen, kombiniert mit den persönlichen Erfahrungen dieser Jugendlichen mit der Polizei, werden ihre Wut nur noch verstärken.
[1] https://www.blick.ch/fr/suisse/romande/la-police-lausannoise-se-corrige-pour-finir-lado-decede-en-scooter-ne-circulait-pas-a-contresens-id21167444.html
[2] https://www.rts.ch/info/regions/vaud/2025/article/un-des-policiers-suspendus-a-lausanne-est-implique-dans-deux-affaires-qui-occupent-la-justice-28989084.html
