Die Schweiz führt keine Kriege. Aber sie füttert sie – für den Profit einiger Wenigen.
Am 20. Februar 1917, im dritten Kriegsjahr, stellte der Bundesrat an seiner ordentlichen Sitzung fest, dass «nach und nach ein grosser Teil der schweizerischen Maschinenindustrie zur eigentlichen Kriegsindustrie» geworden sei und «gegenwärtig von beiden Gruppen gewaltige Aufträge in der Schweiz untergebracht» würden. Auslöser der Diskussion war ein Gesuch, «die Ausfuhr von Geschossen, Geschossteilen, Zündern und Zündeteilen aus der Schweiz zu verbieten». Damit würde die Schweiz «zur Verlängerung des Krieges beitragen». Bereits zwei Jahre zuvor hatte ein Zürcher vor einer «Aasgeier-Neutralität» gewarnt, die darauf spekulierte, dass Deutschland und Frankreich «gleichmässig verbluten» würden.
Die Bührle-Skandale
Auch vom Zweiten Weltkrieg profitierte ein Grossteil der helvetischen Bourgeoisie massiv. Allerdings tätigte sie ihre Kriegsgeschäfte einseitig zugunsten der faschistischen Achsenmächte. In ihrem Schlussbericht über «Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg» hielt die Bergier-Kommission 2002 fest: «Die Ausfuhr von Waffen, Munition und Zündern machte 1940 bis 1944 rund 980 Mio. Franken oder 13,8% der gesamten Warenausfuhr aus». Davon gingen 606 Millionen an Nazideutschland und 204 Millionen an die anderen Achsenmächte. Von den restlichen 180 Millionen fielen je die Hälfte an deutschfreundliche Neutrale und an die Alliierten, die auch für unsere Freiheit kämpften. Hauptprofiteur war der Zürcher Industrielle Emil Georg Bührle, dessen Vermögen sich zwischen 1938 und 1945 von 8 auf 162 Millionen erhöhte.
Dessen Sohn Dieter war 25 Jahre später in einen der grössten Skandale der modernen Schweizer Geschichte verwickelt. Mit gefälschten Nichtwiederausfuhrerklärungen hatte er Kanonen scheinbar an Äthiopien, in Wirklichkeit an das mit einem Embargo belegte Nigeria verkauft. Das Erdölland führte 1967 bis 1970 einen äusserst brutalen Krieg gegen die Biafra-Minderheit, die nicht zuletzt aus der Schweiz humanitäre Hilfe erhielt. So schossen Schweizer Kanonen auf Flugzeuge des Roten Kreuzes. Weiter stellte sich heraus, dass angebliche Lieferungen nach Frankreich, Belgien und andere Länder zu einem Grossteil in Südafrika gelandet waren. Der Bundesrat hatte den Apartheid-Staat 1963 mit einem Exportverbot belegt.
Bührle und drei Angestellte wurden im November 1970 bloss zu bedingten Haftstrafen verurteilt. Eine gleichzeitig eingereichte Volksinitiative für ein Waffenausfuhrverbot verpasste im September 1972 das Volksmehr mit 49,7 Prozent nur knapp. Wäre drei Monate vor dem Urnengang nicht das erste Kriegsmaterialgesetz (KMG) eingeführt worden, hätte es nicht nur zum Volks-, sondern auch zum Ständemehr gereicht. 1977 warf Bührle dem KMG die «Schwächung der schweizerischen Rüstungsindustrie und damit der Landesverteidigung vor».
Einsame Spitze: Rheinmetall und General Dynamics
Mit derselben Leier kommt heute die Rheinmetall, die im Jahre 2000 den Bührle-Konzern übernommen hat. Gemäss dem Rüstungsreport der WoZ vom September 2025 ist der deutsche Konzern der weitaus grösste «schweizerische» Waffen-Exporteur. Von 2015 bis 2024 exportierte er Kriegsmaterial im Wert von 8,14 Milliarden. An zweiter Stelle steht mit 5,13 Mia die US-amerikanische General Dynamics, die 2003 die Thurgauer Mowag übernommen hat. Die dritte Firma auf dem schweizerischen Kriegs-Podest ist die Rheinmetall Waffen Munition (RMW) mit 1,8 Mia. Als der inländische Bührle von «Landesverteidigung» sprach, war es verlogen, aber nicht lächerlich.
Gerade weil die Schweizer Rüstungsindustrie nur noch etwa 7000 Personen (1,3 Promille aller Arbeitsplätze) beschäftigt, wäre es für unser Land sehr leicht, auf Waffenexporte zu verzichten und damit dem Frieden einen grossen Dienst zu erweisen. Es braucht dazu bloss ein weltverantwortliches und vernunftbegabtes Nein zur erbärmlichen Aasgeier-Mentalität.
Josef Lang
