Ein Mittel gegen die Ohnmacht

Wer in der Schweiz etwas verändern will, braucht kein politisches Amt, keine Millionen – nur ein Klemmbrett, leere Unterschriftenbögen und den Willen, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen.

Die Schweiz rühmt sich ihrer direkten Demokratie. Doch was oft vergessen geht: Diese Demokratie lebt nicht nur vom Abstimmen, sondern auch vom Sammeln. Bevor ein Anliegen auf den Stimmzettel kommt, braucht es Menschen, die sich hinstellen und sagen: «Ich finde, das ist ein wichtiges Thema und ich gebe meine Freizeit her, damit wir darüber abstimmen können.» Genau das taten unzählige GSoA-Aktivist*innen in den letzten Monaten mit der Atomwaffenverbotsinitiative und davor mit etlichen anderen Initiativen und Referenden.

Gerade in der Sicherheitspolitik ist unser Engagement entscheidend. Die sicherheitspolitischen Entscheidungen im Bundeshaus sind seit jeher stark von der Rüstungslobby beeinflusst. Dagegen setzen wir das, was die direkte Demokratie im Kern  ausmacht: Engagement von unten. Freiwillige, die mit ihrer Zeit ein Gegengewicht schaffen. Es zwingt die Politik, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die nicht auf der Agenda von Konzernen oder mächtigen Interessenverbänden stehen. Doch jenseits der politischen Kämpfe zeigt sich im Sammeln auch eine zutiefst menschliche Seite.

Natürlich ist es nicht immer einfach, auf der Strasse zu stehen. Manchmal gibt’s Kritik, Ablehnung oder Gleichgültigkeit. Aber viel öfter erleben wir etwas anderes: Interesse, Gesprächsbereitschaft und Diskussionslust. Und manchmal sogar Zustimmung von Menschen, von denen wir es am wenigsten erwartet hätten. Wir lernen dabei nicht nur viel über andere, sondern auch über uns selbst. In einer Zeit, in der sich viele politisch machtlos fühlen, kann das Sammeln von Unterschriften ein echtes Gegen-Gefühl erzeugen. Es ist ermutigend, Teil einer Bewegung zu sein, die konkrete Wirkung entfalten kann.

Unterschriftensammeln braucht keine Ausbildung und keine Parteizugehörigkeit – nur den Mut zum ersten Gespräch. Der Rest ergibt sich: mit jeder Begegnung, jedem Lächeln, jeder Unterschrift. Man erlebt dabei mehr, als man denkt. Ein paar Stunden Sammeln von Unterschriften werden schnell zu einer Entdeckungsreise durch die Umgebung, in der gesammelt wird. 

Dabei kann es auch vorkommen, dass man Menschen aus seiner direkten Nachbarschaft zum ersten Mal trifft – Personen, mit denen man fast Tür an Tür lebt, aber sich die Wege noch nie gekreuzt haben. Man lernt aber nicht nur viele neue Menschen kennen, sondern entdeckt auch Gemeinden, von denen man vorher noch nie gehört hatte. Wenn gesprochene und geschriebene Ortsnamen auseinanderklaffen, wird’s manchmal knifflig. Die Kreativität der Schweizer Mundart führt dazu, dass mit «Chäsitz» die Gemeinde Kehrsatz gemeint ist, «Jaiss» als Jens geschrieben wird oder «Hobel» die Gemeinde Hochwald bezeichnet. 

Manchmal kommt es auch zu kleinen, fast magischen Zufällen: Gleich zwei Menschen, die am selben Tag geboren sind wie man selbst. Was sind die Chancen? Oder ein unerwarteter Kaffee von einer zuvor fremden Person – einfach so, aus Gastfreundschaft und als Zeichen der Unterstützung. Beim Unterschriftensammeln begegnet man der ganzen Vielfalt unseres Landes und lernt zu verstehen, was direkte Demokratie wirklich ausmacht: Zuhören. Diskutieren. Sich engagieren.

,