Kriegsdienstverweigerung in Israel

Während Israel an mehreren Fronten Krieg führt und jede*n Soldat*in benötigt, nimmt die Zahl der Verweigerer*innen zu. Gleichzeitig spitzt sich der Konflikt um die Befreiung der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft von der Dienstpflicht zu, was Regierung und Bevölkerung spaltet.

Israel kennt eines der umfassendsten Militärdienstpflichtsysteme weltweit. Grundsätzlich sind alle Staatsbürger*innen ab dem 18. Lebensjahr wehrpflichtig und können nach dem Dienst bis zum 40. Lebensjahr weiterhin eingezogen werden. Einen zivilen Ersatzdienst wie wir ihn kennen gibt es nicht.

Trotz der strikten Handhabung und drohenden Haftstrafen im Militärgefängnis nimmt die Zahl der Verweigerer*innen zu. Die israelische Regierung veröffentlicht diesbezüglich keine Zahlen, nach Berichten von israelischen Medien seien es bereits 2025 um die 100’000 gewesen. Und das ist für die Regierung und die IDF ein Problem. Denn für die brutalen Kriege in Gaza, im Süden Libanons und im Iran brauchen sie jede*n Soldat*in.

Obwohl es verschiedene Netzwerke und Organisationen gibt, die Verweigerer*innen unterstützen, finden sich nur wenige, die sich an die Öffentlichkeit wagen. Die Verweigerung ist eine Straftat, vor deren Konsequenzen sich viele fürchten. Beweggründe zur Verweigerung gibt es allerdings genügend: Viele Soldat*innen sind traumatisiert von den brutalen Kriegshandlungen und dem rigorosen Vorgehen der IDF. Gewissenskonflikte aufgrund unmenschlicher Befehle und schlichtweg Kriegsmüdigkeit bewegen immer mehr Menschen dazu, sich dem Dienst zu widersetzen. Nicht zuletzt sind es politische Motive wie die grundsätzliche Ablehnung Israels Kriege oder der rechten Regierung, die viele Israeli zur Verweigerung bringen.

Ausnahmefall Haredim: Proteste und Spaltung

Besonderes Augenmerk bei der Diskussion um die israelische Dienstpflicht liegt auf der ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft, der Haredim. Ihre Mitglieder sind traditionell von der Dienstpflicht befreit.[2] Dieser Umstand gibt seit Jahrzehnten zu intensiven Diskussionen Anlass, die aktuell ihren Höhepunkt erlebt. 2024 lief die gesetzliche Grundlage für diesen Umstand aus und die Haredim wäre seitdem ebenfalls dienstpflichtig. Es folgten massive Proteste der Haredim, die bis heute andauern. Strassen wurden lahmgelegt, Züge gestoppt und gar Richter in ihrem zu Hause angegriffen. Die Polizei reagierte mit massiver Härte.

Da Netanjahu auf die haredischen Parteien in seiner Regierungskoalition angewiesen ist, wurde im Juli 2026 ein Gesetz verabschiedet, das Verhaftungen für haredische Personen aufgrund der Dienstverweigerung aussetzte. Gleichzeitig herrscht in der israelischen Bevölkerung seit langem grosser Unmut darüber, dass die Haredim sich von der Dienstpflicht entziehen kann, während andere ihre Einsätze leisten müssen – zumal die Haredim von umfassender staatlicher Unterstützung profitiert, während sie verhältnismässig wenig zum Steuerhaushalt beitragen. Diese Frage spaltet die Bevölkerung sowie die Regierung Israels und dürfte im Hinblick auf die anstehenden Wahlen im Oktober 2026 eines der wichtigsten Themen sein.

Jonas Heeb


[1] Es gibt den sogenannten «Nationaldienst», den man jedoch nur nach Entlassung aus der Armee freiwillig absolvieren kann.

[2] Die überwiegend religiösen Gründe hierfür sind vielfältig, worauf jedoch nicht genauer eingegangen werden kann. Es ist auch wichtig zu betonen, dass die Haredim keine homogene Gruppe darstellt.

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