Eine kleine albanische Insel zwischen Adria und Ionischem Meer hat den grössten Protest seit dem Sturz der kommunistischen Regierung ausgelöst. Was zunächst als Mobilisierung gegen ein Luxusresort begann, entwickelte sich zu Massenkundgebungen gegen eine Regierung und ein Entwicklungsmodell, das Gemeingüter in Geschäftsobjekte verwandelt. Die durch das Projekt bedrohten Flamingos sind zum Symbol einer Bewegung geworden, die Korruption, transnationale Wirtschaftsinteressen und militärische Strukturen anprangert.
Die 5,7 Quadratkilometer grosse Insel Sazan, vor der Bucht von Vlorë in der Meerenge von Otranto, war jahrhundertelang entscheidend für die Kontrolle über die Adria. Nachdem sie seit dem 15. Jahrhundert ein osmanischer Marineaussenposten gewesen war, wurde sie 1912, zu Beginn der albanischen Unabhängigkeit, zu einem umkämpften Gebiet, um dessen Besitz auch Griechenland und Italien wetteiferten. Italien besetzte die Insel 1920, wo Mussolini in der Zwischenkriegszeit Befestigungsanlagen errichten liess, darunter Kasernen und militärische Einrichtungen. Nach einer kurzen Besetzung durch die Nazis, wurde die Insel durch den Pariser Friedensvertrag von 1947 endgültig an Albanien zugeteilt.Während der kommunistischen Ära (1946-1991) wurde die Insel zu einem unzugänglichen Militärstützpunkt die einem doppelten Zweck diente: Sie sollte das Land vor potenziellen Aussenbedrohungen schützen und gleichzeitig die Bevölkerung daran hindern, zu fliehen.
Nach dem Sturz des Regimes Enver Hoxhas wurde die Insel der Bevölkerung und Natur zurückgegeben und so zu einem Symbol der Befreiung. Im Jahr 2010 richtete die albanische Regierung dort den Meeresnationalpark Karaburun-Sazan ein und würdigte damit den ökologischen Wert eines Gebiets, in dem etwa 300 Pflanzen- und 40 Vogelarten beheimatet sind., Obwohl die Insel technisch gesehen weiterhin eine militärische Sperrzone unter der Zuständigkeit des albanischen Verteidigungsministeriums unterliegt, wurde sie im Jahr 2015 entmilitarisiert und für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auslöser der Proteste war eine kürzlich erfolgte Gesetzesänderung zu strategischen Investitionen, die die oligarchische Kontrolle über den albanischen Staat festigt. Im Mittelpunkt steht Unternehmer Jared Kushner, Trumps Schwiegersohn und Berater, dessen Investmentgesellschaft Affinity Partners zum grössten Teil vom saudischen Staatsfonds finanziert wird. Sein Luxusresort soll auf geschützten Naturschutzgebieten und einem ehemaligen sowjetischen Militärstützpunkt entlang einer strategisch wichtigen Wasserstrasse entstehen.
Nicht weit davon entfernt, in der Lagune von Zvërnec werden albanische Militär- und Zivilpiloten am internationalen Flughafen von Vlorë durch eine Partnerschaft zwischen dem albanischen staatlichen Rüstungsunternehmen Kayo und dem israelischen Elbit Systems ausgebildet. Der Flughafen wurde vom Schweizer Bauunternehmen Mabetex Group unter der Leitung des Bauunternehmers Behgjet Pacolli errichtet, ehemaliger Aussenminister Kosovos und einer der reichsten Geschäftsleute des Balkans. Pacolli hat weltweit Grossprojekte realisiert, darunter die Sanierung des Kremls.
Auf der Halbinsel Karaburun, in der Bucht von Vlorë, baut Albanien die Produktion von Militärschiffen im Marinestützpunkt Pashaliman aus. Im Rahmen der strategischen Partnerschaft mit der Regierung Meloni ist die Errichtung eines neuen militärischen Schiffsbaustandorts vorgesehen, der sowohl der albanischen Armee als auch den Verbündeten dienen soll. Fincantieri, das auch Militärschiffe vom Typ „Libra“ herstellt, die für den Transport von migrantisierte Menschen in die von Italien betriebenen Aufnahmezentren in Albanien eingesetzt werden, ist Teil der Vereinbarung.
In ihrer Gesamtheit zeichnen diese Projekte einen radikalen Wandel des Gebiets nach: vom Naturschutzgebiet hin zu einem strategisch-militärischen Knotenpunkt mit transnationalen wirtschaftlichen Interessen. Der Fall betrifft daher nicht nur den Umweltschutz, sondern stellt auch die Rechtsstaatlichkeit, die Macht und die Frage in den Mittelpunkt, inwieweit (militärische) Politik integraler Bestandteil von Investitionsprojekten sei, die Gefahr laufen, das Gemeinwohl und die demokratische Souveränität auf dem Altar undurchsichtiger Abkommen zwischen Regierungen, Oligarchen und ausländischem Kapital zu opfern.
Der Widerstand der albanischen Bevölkerung ist eine Mahnung: Wo wirtschaftliche Interessen mit militärischen Apparaten und transnationalen Machtnetzwerken verflochten sind, wird der Schutz der Umwelt und der kollektiven Rechte unweigerlich zu einem Kampf um die Demokratie selbst.
Noemi Buzzi
