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Von Barbara Müller, cfd-frauenstelle für friedensarbeit
Solidarität und Sicherheit, zwei Wörter die, in Zusammenhang
mit Europa wohl die verschiedensten Assoziationen auslösen. Bei den
Damen und Herren aus Wirtschaft, Politik und Militär, die ab morgen
hier in Luzern tagen werden, lösen sie sicher andere Bilder aus als
bei uns, Vertreterinnen und Vertretern linker, feministischer, friedenspolitischer
Organisationen. Doch ich bin fast sicher, dass es auch unter uns hier
Anwesenden die unterschiedlichsten Vorstellungen davon gibt, was Sicherheit,
was Solidarität bedeutet. Und ich glaube auch, dass verschiedene
Vorstellungen davon, was Europa ist oder sein soll, hier vertreten sind.
Ich will im Folgenden versuchen darzustellen, was Sicherheit und Solidarität
aus einer feministischen Perspektiven bedeuten:
Den Männern wird im Krieg die Aufgabe zugeschrieben, die Frauen
zu schützen und für ihre Sicherheit zu garantieren. Ganz offensichtlich
erfüllen sie ihre Aufgabe schlecht, denn 90% der Kriegsopfer sind
Frauen und Kinder. Schlimmer noch: in vielen Kriegen wurden und werden
Frauen für Kriegszwecke benutzt, indem z.B. Vergewaltigung oder Zwangsprostitution
als Kriegswaffe eingesetzt wird. Die Zivilbevölkerung und dabei speziell
die Frauen haben die Konsequenzen eines Krieges zu tragen und Lebensstrategien
zu erfinden um sich selber und ihre Kinder zu schützen. Frauen tragen
vor, während und nach einem sogenannten Konflikt die Zivilgesellschaft,
übernehmen Rollen, die ihnen traditionellerweise verschlossen sind
und die sie auch sofort nach Beendigung eines Konfliktes wieder abgeben
müssen.
Rüstung und militärische Verteidigungsbereitschaft garantieren
keine Sicherheit, sondern schaffen im Gegenteil neue Gewaltverhältnisse.
Frauen sind in der Regel nicht an den Entscheidungen über Krieg und
Frieden beteiligt. Armeen, Verteidigungsministerien, internationale Verteidigungszusammenschlüsse
werden weitgehend wenn nicht ausschliesslich von Männern gelenkt.
Erst seit die Armeen begonnen haben, so genannte Friedensmissionen zu
erfüllen, werden mehr und mehr auch Frauen miteinbezogen. Wobei auch
diese Frauen weniger in Entscheidungspositionen sitzen sondern es werden
ihnen untergeordnete Aufgaben zugeordnet. Dies haben Untersuchungen z.B.
bei der Kfor-Truppen in Kosova oder Studien in OSZE-Missionen ergeben.
Frauen werden vor allem dann eingesetzt, wenn es um Fragen der Menschenrechte
geht, da Mann dem weiblichen Sozialcharakter einen natürlichen Gerechtigkeitssinn
zuschreibt.
Ich bin mir bewusst, dass es Frauen gibt, die freiwillig in die Armee
gehen, die sich zu Auslandeinsätzen melden und die den Einbezug der
Frauen ins Militär als einen Schritt Richtung Gleichberechtigung
sehen. Dies ist die Entscheidung einer jeden einzelnen. Trotzdem behaupte
ich, dass ein gleichberechtigter Einbezug von Frauen auf allen Ebenen
der Vorbereitung und Durchführung von Kriegen kaum den Interessen
der Frauen der Zivilgesellschaft entspricht. Weltweit räumen die
meisten Frauen der Erhaltung der Lebensgrundlagen und der Überwindung
von Gewalt in allen Lebensbereichen höhere Priorität ein als
der kollektiven Fähigkeit, Kriege zu führen oder eine militärische
Verteidigungsbereitschaft zu erstellen. Und auch diese Tatsache ist nicht
allein auf den weiblichen Sozialcharakter zurückzuführen sondern
hängt teilweise auch mit der gesellschaftlichen Rollen- und Arbeitsteilung
zusammen. Ebenso wie ich Wert darauf lege, dass bei den Frauen differenziert
wird, möchte ich das bei den Männern machen, denn auch die Männerfront
ist keine in sich geschlossene Front. In der klassischen Rollenverteilung,
die vom starken und vom schwachen Geschlecht ausgeht, ist auch die männliche
Rolle einseitig besetzt und schränkt Handlungsmöglichkeiten
ein. Genau deshalb spielt die feministische Fragestellung auch für
linke Männer eine wichtige Rolle, da wir genau das ansprechen, was
auch ihr aufbrechen wollt.
Der Friedensbegriff der Frauenstelle für Friedensarbeit geht denn
auch über die blosse Abwesenheit von Krieg hinaus. Wir
fordern einen Sicherheitsbegriff, der soziale Gerechtigkeit ins Zentrum
setzt und Frauenrealitäten einschliesst. Eine Sicherheit, bei der
Frauen nicht einfach mitgemeint sind, sondern an deren Ausformulierung
und Konstruktion sie massgeblich beteiligt sind. Und zwar auf allen Ebenen.
Frauen dürfen auf keinen Fall von den Friedensverhandlungen und der
Wiederaufbauphase ausgeschlossen sein: Wie kann von Sicherheit für
Frauen gesprochen werden, wenn, wie z.B. in Georgien, Flüchtlingsfrauen
und intern vertriebene Frauen in ein Gebiet zurückgeschickt werden,
in dem noch der selbe General herrscht, der für ihr Vergewaltigungen
und die Ermordung ihrer Familienangehörigen verantwortlich ist? Und
wie kann von Sicherheit für Frauen gesprochen werden, wenn nach Beendigung
eines bewaffneten Konfliktes die Mehrheit der Kleinwaffen in private Haushalte
verschwinden?
Aber eigentlich müsste die Partizipation der Frauen schon viel früher
beginnen, nämlich beim Aushandeln von gesellschaftlichen Regeln und
Umgansformen, bei all dem, was einem schlussendlich das Gefühl von
Sicherheit gibt. Nur ein Sicherheitsbegriff der weibliche
Realitäten mit einschliesst, wird den Bedürfnissen aller gerecht
und kann als Grundlage für den Aufbau einer gleichberechtigten Gesellschaft
dienen.
Ich will dabei nicht in die selbe biologistische Falle treten wie diejenigen,
die von der angeborenen Friedfertigkeit der Frauen sprechen und behaupte
deshalb nicht, Frauen hätten per se einen anderen Friedensbegriff
als Männer. Ich will mich durchaus der Kontroverse stellen, dass
wir hier in der Schweiz als cfd-Frauenstelle für Friedensarbeit uns
für höchstens zum Selbstschutz bewaffnete Schweizer Auslandeinsätze
starkmachen und gleichzeititg unsere Projektpartnerinnen in Kosova den
Einsatz der Nato befürworteten. Ich würde aber behaupten, dass
wir uns insofern einig sind, als dass wir beide betonen: Das allein genügt
nicht. Es braucht noch etwas anderes. Vorher, gleichzeitig, nachher. Das
Fehlen von friedensfördernden und friedenserhaltenenden Instrumenten
darf niemals die Legitimation für friedenserzwingende Massnahmen
sein sondern soll im Gegenteil Motivation dafür sein, alle Kräfte
zur Erarbeitung und dem Aufbau von solch friedensfördernden und friedenserhaltenden
Instrumente.
Nicht viel anders steht es mit dem Begriff Solidarität. Eine frauengerechte
Solidaritätspolitik basiert auf einer umfassenden Solidaritätspolitik:
Entschuldung, faire Preise, Sozialklauseln, Armutsbekämpfung, Überwachung
internationaler Verträge und Gremien, usw.
Solidarische Politik zugunsten von Frauen bedeutet jedoch noch mehr:
Dabei geht es unter anderem um den Zugang zu Ressourcen und Produktionsmitteln,
um den Einbezug in Entscheidungsprozesse im öffentlichen wie im privaten
Bereich, um Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung, um körperliche
Integrität, um freie Verfügung über die Fortpflanzung,
um Schutz vor Gewalt und anderes mehr.
Feministische Frauen und Frauenorganisationen weltweit fordern Frieden
als eine Grundbedingung für ein besseres Leben, Gerechtigkeit und
Entwicklung. Die Voraussetzung, um Frieden zu erreichen, ist nicht allein
die Abwesenheit von Krieg, sondern auch eine umfassende Entmilitarisierung
aller Gesellschaftsbereiche. Zuerst braucht es eine Gesellschafts- und
Wirtschaftsordnung, die Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Interessen
ächtet und überflüssig macht. Feministische, solidarische
Entwicklungszusammenarbeit heisst in diesem Zusammenhang, bereits vorhandene,
zivile Strukturen und Initiativen, konkret, Projekte, die die Eigenverantwortung
und das Empowerment von Frauen zum Ziel haben, zu fördern.
Was heisst das nun auf Europa bezogen? Es bedeutet zum Beispiel, den
fremdenfeindlichen Diskursen etwas entgegenzusetzen. Es bedeutet, Migration
als Tatsache und nicht als Bedrohung zu sehen, die Diskussion über
Migration zu Dekonstruieren, sie zu Entkulturalisieren und Entnationalisieren.
Es bedeutet, MigrantInnen die gleichen Rechte zuzugestehen wie wir sie
selber besitzen und sie in ihren Forderungen zu unterstützen. Es
bedeutet eine Umverteilung der Ressourcen, die Reduktion von materiellem
Gebrauch und die Bereitschaft, auf gewisse Privilegien zu verzichten.
All die bereits erwähnten Forderungen sowie viele mehr sind unter
anderem in der europäischen Plattform des Weltmarsch der Frauen 2000
enthalten. Sich hinter diese Forderungen zu stellen bedeutet, über
den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, die Situation der Frauen in ganz
Europa und auf der ganzen Welt wahrzunehmen und sich hinter ihre Forderungen
zu stellen.
Eine Sicherheit, wie sie die cfd-Frauenstelle für Friedensabeit
versteht, kann nicht von einer Armee garantiert werden. Weder von der
Eigenen, noch von der Gegnerischen, noch von einer sogenannt neutralen,
friedenssichernden. Demokratie, und damit verbunden Transparenz, sind
für uns zentrale Werte europäischer Politik. Eine europäische
Sicherheitspolitik muss deshalb von Institutionen geprägt werden,
in denen Transparenz, demokratische Mitbestimmung und der Zugang für
Nichtregierungsorganisationen gewährleistet sind. Militärverbände
wie die NATO garantieren dies nicht. Ansätze ziviler Konfliktlösung
müssen unabhängig von politischen oder wirtschaftlichen Interessen
und unter Einbezug aller sozialen Gruppen gesucht werden. Ein konkreter
Schritt in diese Richtung ist die Initiative für einen zivilen Friedensdienst.
Die Idee ist, dass gut ausgebildete Frauen und Männer in Konfliktsituationen
zur Verfügung stehen, um mitzuhelfen, eine gewaltfreie Form der Konfliktlösung
zu erarbeiten und die am Konflikt Beteiligten beim Aushandeln und später
bei der Umsetzung von Vereinbartem zu begleiten und zu beraten. Das können
kleinere Konflikte auf lokaler Ebene sein, aber auch Konflikte auf internationaler
Ebene. Entscheidend ist der Punkt, dass für die Forschung und Praxis
ziviler Konfliktlösungsmöglichkeiten endlich ebenso viel Mittel
und Menschen zur Verfügung stehen wie für militärische
Forschung und Aktionen, dass Geld für Ausbildung und soziale Sicherheit
investiert wird statt für Waffen und den Unterhalt von Armeen.
Barbara Müller, cfd-frauenstelle für friedensarbeit
26.3.2003
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