|
Interview mit Valérie Garbani, SP
Pyrrhussieg für Ogi
Verteidigungsminister Adolf Ogi hat seine Militärgesetzrevision
durch den Nationalrat gebracht. SP-Nationalrätin Valérie Garbani
wehrt sich gegen faule Kompromisse.
Interview: Hans Hartmann
WoZ: Sie haben zusammen mit Fernand Cuche von den Grünen zur
Teilrevision des Militärgesetzes einen Rückweisungsantrag gestellt.
Warum?
Valérie Garbani: Die Bewaffnungsvorlage ist Ausdruck der megalomanen
Vorstellung, Frieden könne mit Waffengewalt erzwungen werden. Mit
Solidarität hat dies den offiziellen Beteuerungen zum Trotz nichts
zu tun. Bundesrat Adolf Ogi hat im Rat deutlich gemacht, worum es geht:
Man will das Image der Schweiz bei befreundeten Regierungen aufpolieren
und gleichzeitig die xenophoben Kreise für die Armeereform gewinnen,
indem man ihnen verspricht, bewaffnete Interventionen würden Flüchtlinge
von der Schweiz fern halten.
Wollen Sie am Sonderfall festhalten?
Weltweit besteht ein groteskes Missverhältnis zwischen militärischer
Ressourcenverschleuderung und einer unterdotierten zivilen Konfliktpolitik.
Es wäre vernünftig, die fehlenden zivilen Mittel zur Verfügung
zu stellen, statt zum Überangebot an Interventionstruppen beizutragen.
Mit Sonderfall-Denken hat das nichts zu tun - oder ist das schon Sonderfall,
wenn man etwas weiter denkt als die Regierungen und Armeen anderer Länder?
Die Bürgerlichen behaupten, es brauche sowohl zivile als auch
militärische Anstrengungen ...
Die Bürgerlichen verweigern eine echte sicherheitspolitische Diskussion.
Die Umverteilungsinitiative beispielsweise lehnen sie einfach mit dem
Argument «Armeeabschaffung auf Raten» ab. Und Ogi verdrängt systematisch,
dass sich zwei Perspektiven der aussenpolitischen Öffnung gegenüberstehen:
seine eigene, die von der Zusammenarbeit militärischer Apparate ausgeht,
und unsere, die auf eine zivile Kooperation der Gesellschaften hinarbeitet.
Trotz dieser Grundsatzkritik hätten Sie Ihre Opposition gegen
die Vorlage unter bestimmten Bedingungen aufgegeben.
Als Parlamentarierin muss ich ja versuchen, den Gesetzgebungsprozess
zu beeinflussen. Das Verteidigungsdepartement will einen Blankocheck für
alle denkbaren Militäreinsätze. Dagegen wollten wir zwei Sicherungen
ins Gesetz einbauen: erstens die Beschränkung des Einsatzes von Schweizer
Soldaten auf rein friedenserhaltende Operationen, die mit der Zustimmung
der Konfliktparteien und einer auf den Selbstschutz beschränkten
Bewaffnung durchgeführt werden, und zweitens ein obligatorisches
Uno- oder OSZE-Mandat. Dies zusammen hätte eine gewisse Garantie
dafür gegeben, dass die Schweiz die Verdrängungspolitik der
Nato gegen die Uno nicht unterstützt.
Adolf Ogi liess im Rat durchblicken, dass er das UN-Peacekeeping als
Auslaufmodell betrachtet. Die Schweiz müsse ihre Solidarität
auch in anderen Konstellationen unter Beweis stellen können ...
Seit 1948 hat die Uno auf der Basis von Kapitel 6 der UN-Charta 53 Peacekeeping-Operationen
durchgeführt, vierzig alleine seit 1988. Dabei kamen 800 000 Soldaten
sowie tausende von Militärpolizisten und Zivilpersonen aus hundertzwanzig
Staaten zum Einsatz. Gegenwärtig laufen sechzehn Peacekeeping-Operationen,
unter anderem in den aktuellen Konfliktgebieten Kosovo, Osttimor, Republik
Kongo und Sierra Leone. Man muss sich fragen, was für Interventionsszenarien
der VBS-Chef im Kopf hat, wenn ihm das nicht reicht.
Die nationalkonservative Rechte begründet ihr Nein auch mit dem
Argument, in der Praxis könne man zwischen friedenserhaltenden und
friedenserzwingenden Einsätzen nicht unterscheiden.
Die beiden Interventionsformen können klar unterschieden werden:
auf der Ebene des Mandats, der Durchführung und des politischen Kontexts.
Im Rahmen eines politischen Friedensplans, der durch die Konfliktparteien
und die Uno getragen wird, kann militärisches Peacekeeping tatsächlich
helfen, den Übergang zu einer stabilen Friedensordnung zu schaffen.
Dafür gibt es erfolgreiche Beispiele aus den neunziger Jahren, etwa
die UN-Operationen in El Salvador oder Moçambique.
Die Vorstellung, mit friedenserzwingenden Massnahmen könne man langfristig
Menschenrechte sichern, ist hingegen abwegig und - angesichts der fortschreitenden
Aushöhlung des Asylrechts - Ausdruck einer Doppelmoral. Peaceenforcement
wäre allenfalls als letztes Mittel legitim, wenn damit auf der Basis
des Völkerrechts und eines umfassenden politischen Konsenses ein
Genozid verhindert würde. Der Golfkrieg und die Nato-Intervention
in Kosovo haben aber gezeigt, dass Peaceenforcement zurzeit unter machtpolitischen
Vorzeichen eingesetzt wird.
Nun hat der Nationalrat einem CVP-Kompromissvorschlag zugestimmt,
der die Teilnahme an Kampfhandlungen zur Friedenserzwingung ausschliesst
...
... die Teilnahme an einzelnen Kampfhandlungen - was immer genau damit
gemeint ist -, aber eben nicht die unterstützende Teilnahme an friedenserzwingenden
Operationen selbst. Zurzeit versucht die Nato, den Unterschied zwischen
Peacekeeping- und Peaceenforcement-Operationen zu verwischen. Das Mandat
für die Kfor-Truppe in Kosovo, welches die Möglichkeit zur Eskalation
des Einsatzes schon vorwegnimmt, ist ein Beispiel dafür. Auch die
Militärgesetzrevision vernebelt diesen Unterschied. Damit läuft
man genau in die Falle. Die Annahme des CVP-Antrags hat daran nichts geändert.
Das Gesetz wäre in der Schlussabstimmung durchgefallen, wenn
die SP wie die Grünen geschlossen dagegen gestimmt hätten. Doch
fünfundzwanzig SP-NationalrätInnen enthielten sich der Stimme,
vierzehn stimmten dagegen und acht sogar dafür.
Die SP ist eben eine pluralistische Partei. Ich halte das Gesetz, so
wie es vom Nationalrat beschlossen worden ist, für inakzeptabel.
Unsere wesentlichen Forderungen - obligatorisches Uno- oder OSZE-Mandat,
nur Peacekeeping - wurden nicht erfüllt.
Statt von Pluralismus könnte man auch von Desorientierung sprechen.
Nein, aber ich bin überzeugt, dass die Auseinandersetzung um die
bewaffneten Auslandeinsätze in der SP eine fundierte sicherheitspolitische
Diskussion auslösen wird.
Wenn der Ständerat nicht noch korrigierend eingreift, werden
die GSoA und andere friedenspolitische Gruppen voraussichtlich das Referendum
ergreifen. Was macht die SP?
Der Ständerat wird wohl nichts mehr ändern. Adolf Ogi geht
offenbar davon aus, das VBS könne die Referendumsabstimmung gegen
links und rechts gleichzeitig gewinnen. Ich bin dagegen, aus Angst vor
einer unheiligen Allianz, ein friedenspolitisches Referendum à
priori auszuschliessen. Wir müssen unsere Argumente weiterentwickeln
und in die öffentliche Diskussion einbringen.
26.3.2003
|