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Von Peter Niggli, Geschäftsleiter der Arbeitsgemeinschaft Swissaid/Fastenopfer/Brot für alle/Helvetas/Caritas
Wohin floss die Friedensdividende?
Seit elf Jahren wäre es möglich gewesen, eine Friedensdividende
in friedensfördernde politische und gesellschaftliche Taten zu investieren.
Die Bilanz zeigt enttäuschende Resultate. Wo die Militärausgaben
gesunken sind - die Schweiz hinkt hier hintendrein -, wurde die Friedensdividende
für alle möglichen Zwecke kassiert, jedoch nur selten gezielt
für Friedensförderung. Nun könnte man sagen, die pekuniäre
Seite sei nicht so wichtig. Wichtig sei, dass die Friedensdividende wenigstens
die Köpfe der Machtträger erreicht und ihr Denken sanft verändert
habe.
Tatsächlich ist in manchen Regierungsberichten und internationalen
Deklarationen etwas Friedensdividende abgelagert und zu erstaunlichen
Einsichten geronnen. Die guten Ideen haben es jedoch ungemein schwierig,
in ebenso gute Taten Eingang zu finden.
So ist man sich geistig heute ziemlich einig, dass Frieden und Sicherheit
davon abhängen, dass die globale Kluft zwischen Arm und Reich und
der ungeheure Unterschied an Lebenschancen zwischen Norden und Süden
irgendwie gemildert wird. Entwicklungszusammenarbeit, die Förderung
der Demokratie, die Stärkung der Frauen und benachteiligter Minderheiten,
das alles sind Mittel dazu.
Es gibt auch keinen ernstzunehmenden intellektuellen Einspruch, wenn
der nachhaltige Umgang mit lebensnotwendigen Ressourcen als Voraussetzung
für die Sicherung des Friedens gilt. Jedes Kind kann heute schon
herunterbeten, dass um Wasser Kriege ausbrechen werden, falls keine gerechte
Verteilung angestrebt wird. Die wirtschaftlichen Änderungen für
eine ökologisch tragbare Produktions- und Lebensweise, der Pfad in
eine andere technologische Zukunft, die Herstellung eines Mindestmasses
an gesellschaftlicher Partizipation und Gerechtigkeit - alles, was es
braucht, um zu nachhaltigerer Entwicklung zu gelangen, ist bekannt.
Es scheint jedoch, als hätten alle diese Gedanken - das geistige
Fett der Friedensdividende - eine dunkle Kehrseite. In denselben Köpfen,
die zur guten Einsicht drängen, wandeln sich die zu lösenden
Probleme in Gefahren. Die Armen im Süden erscheinen als Gefahr für
die Reichen im Norden. Die Wasserknappheit der einen scheint den anderen
gefährlich, die einen Wasserüberschuss besitzen. Implodierte,
instabile Machtgebilde, die an Ungleichheit, Dominanz und mangelnder Demokratie
zugrundegingen, scheinen bedrohlich für die Satten und Friedlichen.
Europa leidet an dieser Schizophrenie. Soll man die Ursachen der Destabilisierung
und Friedensbedrohung angehen oder ihre Folgen? Oder beides ein bisschen?
Im Unterschied zu den Vereinigten Staaten liess Europa seine Budgets für
Entwicklungszusammenarbeit nicht auf Null sinken. Moderne Konzepte der
Friedensförderung erfreuen sich beträchtlicher Beliebtheit in
kleinen Friedensboutiquen der Aussenministerien. Etwas Nachhaltigkeit
und Ökologie hat sowohl die Binnenmarktmaschine der EU als auch die
Schweiz über den Zeitgeist hinaus gerettet.
Aber von einer Umkehr der Investitionen, von einer spürbaren Verwendung
der Friedensdividende kann keine Rede sein. Materiell am besten abgesichert
sind diejenigen Initiativen, die auf die bewaffnete humanitäre oder
friedensfördernde Intervention zielen. Die Destabilisierung mit Waffengewalt
zu verhindern beziehungsweise von den eigenen Grenzen fernzuhalten, sich
abzuschotten, die eigenen Ressourcen etwas zu schonen und den Rest des
Planeten zu plündern, das sind alles neue Ausformungen der Friedensära
nach dem Kalten Krieg, die uns aus der früheren Geschichte des Kontinents
nicht ganz unbekannt sind.
150 Milliarden Dollar gaben die westlichen Staaten zwischen 1991 und
1998 aus, um die Zerfallskonflikte im ehemaligen Jugoslawien diplomatisch
und militärisch zu befrieden. Darin sind die Kosten des Kriegs im
Kosovo vom vergangenen Jahr noch nicht enthalten. Nur ein Bruchteil davon
wurde im Sinne einer Friedensdividende in die Stärkung der wirtschaftlichen,
sozialen und politischen Perspektiven der Region investiert. Heute zählt
die Uno-Protektoratsverwaltung des Kosovo die Rappen, nachdem die Nato
1999 einige Milliarden Dollar mobilisiert hatte.
Jugoslawien ist nur das naheliegende Beispiel. Nach demselben Muster
investiert Europa und die USA weltweit ein Vielfaches in Abschottungssicherheit
und nur ein Rinnsal in diejenigen Aktivitäten, die unbestrittenermassen
versprechen würden, die grossen Spannungen und Probleme unserer Welt
an der Wurzel anzugehen.
26.3.2003
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