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Eröffnungsansprache von Cécile Bühlmann, Nationalrätin des Grünen Bündnis Luzern
Wir sind heute hier zusammengekommen, um zu zeigen, dass es zu dem in
den nächsten Tagen in Luzern stattfindenden Europaforum eine Alternative
gibt. Wir manifestieren dass das, was dort über Sicherheitspolitik
in Europa gedacht und gesagt werden wird, nicht unseren Vorstellungen
von Sicherheit entspricht.
Jetzt könnte man uns vorwerfen, wir würden ohne besseres Wissen
so etwas im voraus behaupten, wir sollten doch erst einmal abwarten, bevor
wir urteilen. Ein Blick ins Programm der Veranstaltungen belegt, warum
wir diese Befürchtungen hegen. Zusammensetzung und Themen des Forums
sind so ausgewählt, dass nicht nur ganz wichtige Aspekte von Sicherheit,
wie wir sie verstehen, fehlen, sondern sie zeigen ein Verständnis
von Sicherheitspolitik, das selber zur Bedrohung der Sicherheit jener
wird, die nicht zu den Habenden gehören, die nicht weiss und männlich
sind.
So wird wieder einmal mehr Sicherheit von Männern definiert. Die
Männer sind am Europaforum fast ganz unter sich, ganze zwei Frauen
sind als Referentinnen eingeladen. Und von der einen der beiden, Benita
Ferrero-Waldner sind kaum feministische Impulse zu erwarten, ist sie doch
bisher nicht durch ihr frauenspezifisches Engagement in die Schlagzeilen
geraten, sondern deshalb, weil sie als österreichische ÖVP-Aussenministerin
mithilft, die Haiderpartei salonfähig zu machen. Und von der zweiten
Referentin, Brigitte Brenner, weiss ich nur, dass sie Chefin Koordination
für Sicherheitspolitik und staatliches Krisenmenagement im Bundeskanzleramt
in Wien ist, also kaum jemand, der aus der Perspektive der durch spekulative
Share holder-Wirtschaft und Ausgrenzung Betroffenen, Sicherheit definieren
wird.
Im übrigen werden 35 Männer zu Wort kommen um zu definieren,
was Sicherheit ist. Dabei sind für Frauen Männer das grösste
Sicherheitsrisiko. Gewalt gegen Frauen im Alltag, Gewalt gegen Frauen
in kriegerischen Auseinandersetzungen, Frauenhandel, Zwangsprostitution,
Ausbeutung, Armut, das alles sind Folgen patriarchaler Rollenteilung.
Und in Luzern wird morgen über Sicherheit debattiert von - wie es
in der Einleitung heisst- namhaften Vertretern aus Politik, Wirtschaft
und Militär, ohne dass dies ein Thema sein wird. Ich kritisiere,
dass das Forum so einseitig männerlastig zusammengesetzt ist. Man
scheint bei den Organisatoren des Forums noch nie gehört zu haben,
dass es gerade Frauen sind, die dies benennen. Man tut so, als ob es noch
nie eine feministische Kritik an diesen Zuständen gegeben hätte!
Keine einzige Vertreterin einer NGO, die sich für die Anliegen der
von Gewalt und ungerechten Wirtschaftsstrukturen betroffenen Frauen engagieren,
ist als Referentin eingeladen. Wenn diese Perspektive gewünscht gewesen
wäre, hätte sie sich problemlos finden lassen. Ich glaube, an
diese Dimension hat schlicht und einfach niemand gedacht, sie kommt nicht
vor im Mainstream patriarchaler Logik.
Dabei gäbe es dazu soviel zu sagen. Letzte Woche haben wir Parlamentarierinnen
Vertreterinnen des Fraueninformationszentrums FIZ eingeladen, welche mit
einer Petition an den Bundesrat gelangt sind, endlich dem Frauenhandel
den Riegel zu schieben und von Gewalt betrofffene Frauen besser zu schützen.
Statt dass diese Frauen bei uns durch Gesetze geschützt werden, liefern
wir sie nämlich Zuhältern und mafiösen Banden geradezu
aus, indem wir ihnen den Zugang zum Arbeitsmarkt verwehren und sie nur
sogenannte Artistinnenbewilligungen erhalten. Das ist eine schlecht kaschierte
Heuchelei, geht es doch in Tat und Wahrheit um nichts anderes als um Prostitution.
Wenn Frauen gegen ihre Menschenhändler klagen, haben sie keinen Zeuginnenschutz
und werden ausgewiesen. Alle Versuche von uns feministischen Politikerinnen,
diese Zustände abzuschaffen, sind am hartnäckigen Widerstand
des Bundesrates und des Parlamentes bisher gescheitert und so klage ich
die offizielle Politik der Komplizenschaft mit den Frauenhändlern
an.
Aber darüber wird man im Europaforum morgen kaum sprechen. Dort
ist Migration sowieso nur unter dem Aspekt der Gefährdung der Sicherheit
ein Thema, steht doch in der Einleitung unter den Stichworten zur Sicherheitspolitik
in Europa:
- Kriminalität
- Geldwäscherei
- Migration
Durch das ständige in die Nähe rücken der Migration von
negativen Phänomenen wie Kriminalität und Geldwäscherei
wird diese zur Bedrohung, gegen die man sich durch Abschottung und Ausgrenzung,
durch Militär und Polizei, schützen muss. Statt Migration als
Notwendigkeit und Normalfall einer globalisierten Wirtschaftswelt zu definieren
und menschenwürdige Bedingungen für Migrantinnen und Migranten
einzufordern, werden sie zur Bedrohung unserer Sicherheit hochstilisiert,
vor allem wenn sie von ausserhalb der EU kommen, aus dem unseligen dritten
Kreis. Und da wundert man sich noch und entrüstet sich, wenn in Emmen
und anderswo Leuten aus diesem dritten Kreis die Einbürgerung verwehrt
wird!
Diesem Konzept von Sicherheit wollen wir mit der heutigen Veranstaltung
unsere Vision eines Europas entgegenstellen, das menschenwürdige
Bedingungen für alle Bewohnerinnen und Bewohner, unabhängig
ihres Geschlechtes, ihrer Herkunft, ihrer Hautfarbe, ihres Alters schafft,
eines Europas, das durch die Wahrung der Menscherechte und nicht durch
hochgezogene Grenzzäune Furore macht, eines Europas, das durch nachhaltige
Wirtschaft statt durch eine rücksichtslose Umverteilungspolitik auffällt,
eines Europas, das für den Frieden auf der Welt durch sein Einstehen
für Gerechtigkeit und Demokratie, statt durch Waffen, seinen Beitrag
leistet.
26.3.2003
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