Zwei Nasenlängen voraus: «Die Welt von morgen, ein souveränes demokratisches Europa» von Robert Menasse

«Jura öffnet den Weg für alles, Literatur macht das Verständnis für alles grösser» Jean-Claude Junker 2019 Buchrezension von Noëmi Holtz

Auf der Suche nach einem realisierbaren Sicherheitskonzept stiess ich mit Aufatmen auf dieses Buch:  Der Europaexperte und Schriftsteller Robert Menasse hat Europa im Blick, auch wenn der Titel des Essays: «die Welt von morgen» zurecht darüber hinaus verweist. Mit eindrücklichem Engagement untersucht er die «Nebenwirkungen» des Nationalen Denkens: der Fokus auf die eigene Wirtschaft, in der Folge oft Expansionsgelüste, Krieg, Ausschlussmechanismen durch «nationale» Identitätssuche. «Feinde» sind Teil des nationalen Konzepts, in diesem Denken nötig, aber austauschbar. 

Er porträtiert die Entwicklung der Vision eines geeinten Europas und dessen Rückschritte, wenn der Nationalismus wieder en vogue wird. Menasse zeigt auf, dass die heutigen Krisen, wie Klima-, Flüchtlings-, Eurokrise, Gesundheitspolitik, Umgang mit Kriegen etc. nur mit einem gemeinsamen rechtlichen Rahmen bewältigt werden können. Dafür braucht es transnationale Gesetze, also das, was die Europäische Union am Anfang – aufgrund der Erfahrungen aus dem 2.Weltkrieg – noch als Vision hatte,  inzwischen aber mehr und mehr aus dem Blick verliert. 

Akribisch zeigt Menasse die Strukturfehler der heutigen EU auf. Er zeigt, wie durch nationale Prioritäten das gesamteuropäische Projekt gefährdet ist.

Er hinterfragt den Begriff «Völkerrecht», zeigt auf, dass dieser in Widerspruch zu Menschenrechten gerät, wenn nationale Interessen «geschützt» werden. Damit lassen sich Flüchtlingsbewegungen nicht bewältigen. 

Demokratie ohne Nationen? Nicht denkbar, sagen die meisten. Mittels amüsanten Zeitreisen – wie zum Beispiel einem fiktiven Gespräch mit Platon über eine Demokratie ohne Sklaven aber mit Gleichberechtigung der Frauen, (S.154) – plädiert Menasse für kreativeres Denken im Kontext der Demokratie. Demokratie ist für ihn keine Staatsform, sondern eine Regierungsform. Er denkt eine «Personalautonomie» statt der von Nationen geforderten «Territorialautonomie» an. (S.43). Genaueres dazu erfordert eine sorgfältige Lektüre des Buches.

Bis vor kurzem definierten sich Menschen durch die Fähigkeit des Denkens, mit der Atombombe riskieren wir die Auslöschung, mit KI selbstproduzierte Unmündigkeit.

Um dem zu begegnen, reicht ein geeinter Markt nicht. Es braucht staatsübergreifende Gesetze auf Menschenrechtsbasis und – wie im obigen Claude Junker Zitat – kulturellen Reichtum. Nicht nur «pro Helvetia» oder «bosnische» Kultur, sondern eine, wie sie vor dem 1. Weltkrieg gelebt wurde, wo Menschen sich ohne Pass über die Grenzen bewegen konnten, mit dem kulturellen Reichtum anderer Regionen.

Zur Sicherheitspolitik: Wenn gut durchdachte demokratische Strukturen mit echter Mitbestimmung, sozialer Gerechtigkeit, Klimaschutz, kulturellem Austausch in der EU sorgfältig diskutiert und gestaltet werden, keine SEMs und keine nationalen Armeen mehr finanziert werden müssen, hätte die Welt endlich wieder ein brauchbares Modell eines Friedensprojekts. 

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