Der Höhepunkt eines 90 Jahre dauernden Kampfes waren die 83 Prozent Ja-Stimmen am 17. Mai 1992. JOSEF LANG
Der Zivildienst ist eine aussergewöhnliche Erfolgsgeschichte. 2025 wurden 1,9 Millionen Diensttage geleistet. 2024 leisteten 98,3 Prozent der Zivis ihren sinnvollen Dienst vollständig. Bei den Soldaten dürfte der Anteil einiges tiefer sein. Von den zivilen Diensttagen fielen 52 Prozent auf das Sozialwesen, 15 Prozent auf das Gesundheitswesen, 10 Prozent auf den Umweltschutz. Zu den weiteren Bereichen gehören die Bauernfamilien mit 3 Prozent.
In der Regel werden Institutionen in Frage gestellt, wenn sie erfolglos sind. Beim Zivildienst ist das Gegenteil der Fall. Gerade weil er eine Erfolgsgeschichte ist, wollen ihn die Militärköpfe kaputt machen. Dass ihre Ablehnung des Zivildienstes ideologisch und nicht sicherheitspolitisch begründet ist, bestätigt ein Rückblick auf ihren hartnäckigen Kampf gegen seine Einführung.
Am Anfang standen die Religiös-Sozialisten
Die allererste Petition für die Einführung eines Zivildienstes stammte von Paul Pettavel, dem protestantischen Pfarrer von La-Chaux-de-Fonds. Der aus einer Uhrmacher-Familie des Val-de-Trâvers stammende religiöse Pazifist und Vorkämpfer des Frauenstimmrechts hatte 1903 eine Petition für die Schaffung eines Zivildienstes eingereicht. Angesichts des Aufstiegs des preussischen Militarismus in der Schweiz hatte sein Anliegen keine Chance.
1923 reichten die Religiös-Sozialisten Leonhard Ragaz, ein Pfarrer aus dem Bündnerland, und Pierre Cérésole, ein Mathematiker aus Lausanne, eine von 40‘000 Personen unterzeichnete Petition ein, die einen um einen Drittel längeren Zivildienst forderte. Ragaz war, bevor er 1912 Sozialist wurde, freisinniger Feldprediger gewesen. Cérésole, Sohn eines freisinnigen Bundesrates, hat 1916 als Untauglicher den Wehrpflichtersatz verweigert und 1920 die Organisation Service Civil International gegründet. Als er 1945 starb, war er sechsmal im Gefängnis gewesen.
Büro Farner gegen die Tatbeweis-Initiative
Eine erneute Bedeutung gewann der Zivildienst mit dem Wiederaufstieg der Verweigerer-Zahlen ab 1966. Die 1974 gestartete Zivildienst-Initiative aus dem Gymnasium Münchenstein wurde, da sie als allgemeine Anregung formuliert war, völlig verwässert und verfälscht. So wurde sie auch vom Friedensrat und von der Linken abgelehnt. Selbst die Initiant*innen vermochten sich für die Vorlage nicht mehr erwärmen. Sie scheiterte am 4. Dezember 1977 mit 62 Prozent Nein-Stimmen. Kurz vor der Abstimmung hatten Einzelpersonen die Tatbeweis-Initiative lanciert, in der die Leistung eines um 50 Prozent längeren Zivildienstes eine Gewissensprüfung ersetzte.
1984, als die Schweiz 788 Verweigerer verurteilte, ist es der «Aktion Freiheit und Verantwortung», ihrem «Verein zur Förderung des Wehrwillens und der Wehrwissenschaft», der «Arbeitsgemeinschaft für gleiche Wehrpflicht und eine friedenssichernde Milizarmee», dem «Eidgenössischen Komitee für allgemeine Wehrpflicht», dem «Schweizerischen Aktionskomitee gegen die Aushöhlung der Allgemeinen Wehrpflicht», dem «Überparteilichen Komitee gegen die Unterwanderung unserer Milizarmee», dem«Komitee gegen die Dienstverweigererinitiative» und der «Aktion wehrhafte Friedenssicherung» gelungen, aus der zweiten Zivildienstinitiative eine Armee-Abschaffungsinitiative zu machen. Nach dieser hauptsächlich aus dem Rüstungslobby-Büro Farner orchestrierten Kampagne schaffte die Tatbeweis-Initiative am 26. Februar 1984 lediglich 36 Prozent Ja-Stimmen.
Vom GSoA-Erfolg zum Zivildienst
Als die GSoA-Initiative am 26. November 1989 bei einer Rekordbeteiligung ebenfalls auf 36 Prozent kam, liess sich der Zivildienst nicht mehr verhindern. Am 17. Mai 1992 stimmten 83 Prozent für den Zivildienst. Dieser wurde am 1. Januar 1996 eingeführt – allerdings mit einer unwürdigen Gewissensprüfung vor einer Zulassungskommission. Sie wurde auf Druck von Linken und Liberalen 2009 abgeschafft.
Setzen wir den Militärköpfen im Abstimmungskampf die grosse Mehrheit vom Mai 1992 entgegen!
