Digitale Propaganda: Wie das Militär soziale Medien ausnutzt

Seit mehreren Jahren ist die Schweizer Armee auf verschiedenen Social-Media-Plattformen präsent. Erst ab 2023 ist es allen Dienstleistenden offiziell erlaubt, Fotos und Videos in den sozialen Medien zu teilen. Vor einigen Monaten wurden im Rahmen der Aktion «Ein Tag in der Armee» vier Content Creator eingeladen, vollständig in den Alltag des Militärs einzutauchen.

Es ist kein Geheimnis, dass die Armee seit einigen Jahren einen klar definierten Kommunikationsplan für ihre Auftritte in den sozialen Medien verfolgt. Dabei handelt es sich hauptsächlich um Inhalte mit dem erklärten Ziel, «das Wissen und die Akzeptanz der Armee bei der jüngeren Bevölkerung, die noch nicht am Orientierungstag teilgenommen hat, zu erhöhen» (Auszug aus einer Medienmitteilung der Armee vom 30. Oktober 2023).

Der Fokus liegt auf den Plattformen Instagram und TikTok, um durch moderne Kommunikation eine junge Zielgruppe mit kurzen, aber auch informativen, unterhaltsamen und ansprechenden Inhalten zu erreichen. Jede Woche werden mindestens zwei Beiträge und mehrere Stories veröffentlicht. Ziel ist es, der jungen Generation einen „authentischen” Einblick in das Militär zu geben und dessen Schlüsselrolle bei der Landesverteidigung aufzuzeigen (ebenda).

Als ich diese Zeilen zur Vorbereitung dieses Artikels las, musste ich diese erstmal verarbeiten. Dass die Armee in den sozialen Medien stark vertreten ist und dort regelmässig Fotos und Videos teilt, ist für diejenigen, die häufig im Internet unterwegs sind, kein Geheimnis. Dass die Beiträge die Realität des Militärdienstes widerspiegeln, erscheint mir höchst lächerlich und unecht, fast schon zynisch. Alles, was von einem institutionellen Account – der diesen Namen verdient –  in den sozialen Medien veröffentlicht wird, ist bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und folgt präzisen ästhetischen Standards. Wenn das Social-Media-Kommunikationsteam der Armee verschiedene Influencer*innen einlädt, die wiederum ihre Erfahrungen mit Tausenden von jungen Menschen teilen und einen Einblick in die Welt der Armee ermöglichen, wird nichts dem Zufall überlassen. Es handelt sich um reine Propaganda, in einer aktualisierten und digitalen Version, die an die Kommunikationsweise des 21. Jahrhunderts angepasst ist.

Ein Blick auf den Feed der offiziellen Kanäle der Schweizer Armee genügt, um dies zu verstehen: Jeder Inhalt ist kunstvoll zusammengestellt, hat ein hohes Tempo und wird von einem epischen Soundtrack untermalt. Dass dies eine getreue Darstellung des Lebens in der Armee ist, kommt dem Glauben an den Weihnachtsmann gleich. Um keinen Zweifel aufkommen zu lassen, zitiere ich hier die Definition des Begriffs Propaganda aus dem Online-Wörterbuch der Duden: „systematische Verbreitung politischer, weltanschaulicher o. ä. Ideen und Meinungen mit dem Ziel, das allgemeine Bewusstsein in bestimmter Weise zu beeinflussen”.

An dieser Stelle stellt sich jedoch spontan die Frage, warum eine so starke Präsenz notwendig ist. Ist es nicht so, dass die meisten Menschen etwas ganz anderes im Sinn haben, wenn sie an die Armee denken? Zum Beispiel die Tatsache, dass sich während einer Übung in Isone im Tessin sieben Rekruten wegen der extremen Hitze unwohl fühlten und drei ins Krankenhaus gebracht werden mussten, darunter einer im künstlichen Koma. Nichts besonders Episches, ausser vielleicht ein Misserfolg epischen Ausmasses. Und Geschichten wie diese schiessen zu Beginn jeder Rekrutenschule wie Pilze aus dem Boden, wie einige Rekruten kürzlich im Juni gegenüber der Tamedia-Zeitungen berichteten.

Dies lässt vermuten, dass die Armee sich (zu) sicher fühlt und versucht, einen archaischen, zutiefst hierarchischen, sexistischen und patriarchalischen (Trachten-)Verein in einem neuen (und besseren) Licht darzustellen. Die fortschreitende Militarisierung unserer Gesellschaft vollzieht sich auf subtile und schleichende Weise durch die Bilder und Erzählungen, die wir (bewusst oder unbewusst) täglich konsumieren. Wie bei jedem strukturellen und systemischen Problem können die Lösungen nur kollektiv und organisiert sein. Bildet Banden (und in eigener Sache: Pusht die Social Media-Inhalte der GSoA)!