Zurück zum Zwang?

Seit 2011 gibt es in Deutschland keine Wehrpflicht mehr. Mit dem bis heute andauernden russischen Angriffskrieg auf die Ukraine wurden Stimmen nach einer Wiedereinführung wieder lauter. Doch was würde dies bringen?

Im Koalitionsvertrag der SPD- und CDU-Regierung ist das sogenannte «Schwedische Modell» vorgesehen. Das heisst, es werden alle Bürger*innen mit 18 Jahren umfangreich zu Motivation, Eignung etc. befragt und ein benötigtes Kontingent wird zum Dienst aufgeboten. Da die SPD noch so etwas wie eine antimilitaristische Ader hat, schlug Boris Pistorius (SPD), Vorsteher des Verteidigungsministeriums, eine abgeschwächte Variante vor – ganz zum Ärger der CDU. Alle volljährigen Männer müssen einen entsprechenden Fragebogen wie in Schweden ausfüllen und werden je nach Angaben zur Musterung (Rekrutierung) aufgeboten. Der Wehrdienst selbst untersteht nach wie vor der Freiwilligkeit, jedoch erhofft man sich dadurch eine regere Teilnahme.

Bundeswehr in der Krise

Natürlich ging die Diskussion und der Wille vieler Politiker*innen, die Wehrpflicht wieder vollumfänglich einzuführen, nicht an den Deutschen vorbei und es läuft derzeit eine Debatte diesbezüglich. Eine Umfrage aus dem Juni 2025 zeigt: «Nur» jede*r Dritte würde Wehrdienst leisten. Dies rief in militaristischen und konservativen Kreisen den Vorwurf der mangelnden Kampfbereitschaft hervor. Dieselbe Leier, wie sie hierzulande angebracht wird, wenn Dienstpflichtige in den Zivildienst wechseln. In NATO-Deutschland sind die Perspektiven jedoch noch verschärfter. Kann man es jungen Menschen, die ohnehin eine Welt voller Krisen erben, wirklich verübeln, dass sie nicht bereit sind, potentiell in den Krieg zu ziehen? Ist es wirklich so absurd, dass man nicht sein Leben riskieren will, weil die internationale Politik friedliche Lösungen nicht hinbekommt?

Kommt hinzu, dass die Bundeswehr in einem desolaten Zustand ist. Sehr viel Bürokratie, inkompetentes Personal, lähmendes Outsourcing des Know-Hows und miese Arbeitsbedingungen prägen die deutsche Armee. Es wäre höchst gewagt, zu behaupten, dass eine Wehrpflicht diese Probleme lösen würde – ganz im Gegenteil. Selbst hierzulande sagen Militärexperten, dass die Schweiz mit ihrer Milizarmee bei einer NATO-Kooperation eher im Weg stehen würde. Warum genau sollte dies bei gezwungenen Bürger*innen in Deutschland anders sein?

Deutschland beschloss bereits 100 Milliarden Euro zusätzlich für die Bundeswehr aufzuwenden. Auch hier ist wieder eine Parallele zur Schweiz erkennbar: Mit Geld alleine ist noch keine Modernisierung umgesetzt. Dasselbe gilt für Personal: Ein Massenheer alleine bedeutet noch keine Qualität für Streitkräfte – aber eine organisatorische Herkulesaufgabe für die marode Bundeswehr. Ein Beschluss der Wiedereinführung der Wehrpflicht wäre nichts anderes als ein massiver Beitrag zur fortschreitenden Aufrüstung und Militarisierung der Gesellschaft – und damit kein Beitrag zur Sicherheit. 

Redaktionsschluss war Ende September. Die Diskussionen in Deutschland sind fortlaufend.