VPOD: Avantgarde der Antiatomwaffen-Bewegung

In den späten 1950er und frühen 1960er Jahren waren die Gewerkschaften in der Frage der atomaren Bewaffnung der Schweiz tief gespalten. Während der SMUV zu den nuklearen Hardlinern gehörte, stand der VPOD an der Spitze der Antiatombewegung.

Kurz nach der Gründung der Schweizerischen Bewegung gegen atomare Aufrüstung (SBgaA) am 18. Mai 1958 erschien am 9. Juni in der Zeitung des Schweizerischen Metall- und Uhrenarbeiterverbandes (SMUV) eine knallharte Erklärung von 36 prominenten Rechtssozialdemokraten. Sie unterstellte der Antiatom-Bewegung die “Verkennung aller Realitäten“. Sie könne „nichts anderes als ein Versuch zur Wehrlosmachung der freien Völker“ sein. Der von den bürgerlichen Parteien und Medien immer wieder zitierte Schlusssatz gegen eine Atomwaffenverbots-Initiative und damit die Mitsprache des Volkes lautete: „Wir lehnen daher den Versuch, die Frage der Bewaffnung der schweizerischen Armee den eidgenössischen Räten zu entziehen und sie zum Gegenstand gefühlsmässig unterbauter politischer Feldzüge zu machen, entschieden ab.“

NZZ und SMUV gegen Antiatom-Bewegung

Die von einer Atomwaffen-Wokeness getriebene NZZ jubelte am 10. Juni 1958 die „Erklärung der 36“ gar „zu den bedeutendsten Dokumenten der Linken in der Nachkriegszeit“ hoch. Am Tag vor der SMUV-Publikation hatte sich der Generalstabschef an der Generalversammlung der Schweizerischen Offiziersgesellschaft zur Atomfrage viel zurückhaltender ausgedrückt als die rechten „Linken“, wie selbst die NZZ am 7. September 1958 kommentierte. 

Jedenfalls galt der SMUV in der Antiatombewegung neben der NZZ als wichtigster Hauptgegner. Das hatte auch damit zu tun, dass sein Einfluss in der SPS entscheidend war bei deren Ablehnung der Atomwaffenverbots-Initiative am Luzerner Parteitag vom 4./5. Oktober 1958. Die SBgaB-Initiative schaffte auch so am 1. April 1962 im tiefen Kalten Krieg mit 35 Prozent mehr als ein Drittel der Stimmen. Das Männervolk hatte in den Kantonen Tessin, Genf, Neuenburg und Waadt sogar zugestimmt. Die sozialdemokratische Gegeninitiative für das „Entscheidungsrecht des Volkes“, die von der Antiatombewegung unterstützt wurde, kam am 26. Mai 1963 auf 38 Prozent. 

Friedenspolitik und Frauenstimmrecht

Die wichtigste organisatorische Stütze der Antiatom-Bewegung und der Atomwaffenverbots-Initiative war der Verband des Personals Öffentlicher Dienste (VPOD). In seiner im September 1980 an der Uni Zürich eingereichten Lizentiatsarbeit schreibt Markus Heiniger über den VPOD: „Eine Ausnahme bildete der VPOD. In seiner Verbandszeitung unterstützte er die SBgaA voll und gab weiter ein ‚Wochenbulletin der Atomgefahr’ hinaus. Die Ausnahmehaltung des VPOD lässt sich auf dessen Tradition und auf den Einfluss des geschäftsleitenden Sekretärs M. Arnold zurückführen“. (S. 100)

Der SP-Nationalrat Max Arnold, der später bei der Einführung des Frauenstimmrechts eine Schlüsselrolle spielte, war Erstunterzeichner der Gruppe, die zur Gründung der SGbaA aufrief. Der aus der Innerschweiz stammende Sozialist hatte seine ersten politischen Auftritte während seiner Aktivdienstzeit an der Nidwaldner Landsgemeinde. Im Historischen Lexikon steht über ihn: „Max Arnold machte den VPOD zu einem starken Verband, war aber nicht der typische Gewerkschaftsfunktionär der Nachkriegszeit: Er lehnte den Antikommunismus ab, wandte sich gegen die Atombewaffnung der Schweiz und forderte in parlamentarischen Vorstössen wiederholt eine aktive Friedenspolitik.“

Allerdings war der VPOD nicht eine völlige „Ausnahme“. Heiniger erwähnt zusätzlich „lokale Sektionen“ wie in Zürich die Typographia und in Basel die Bau- und Holz- sowie die Textil- und Fabrik-Gewerkschaften. Laut Heiniger wurde „der SGbaA von solchen Gruppen auch mit namhaften Beiträgen finanziell unterstützt.“ Heute folgen die Gewerkschaften, wie auch die Gaza-Demo vom 21. Juni 2025 zeigte, nicht mehr den damaligen SMUV, sondern eher dem damaligen VPOD.