Mit dem Beginn des nuklearen Zeitalters kam bei uns im reichen Norden allmählich auch die Angst vor einer nuklearen Katastrophe auf. Dabei haben wir meist nur die Schreckensbilder von Atomwaffen-Explosionen oder Kernschmelzen im Blick – von den grauenvollen gesundheitlichen Folgen des Uranabbaus spricht bei uns hingegen fast niemand. Anjuschka Merki
Nach dem Zweiten Weltkrieg begab sich der globale Norden in ein atomares Wettrüsten. Das nukleare Zeitalter begann und die Angst vor nuklearen Katastrophen – wie etwa den US-amerikanischen Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki im Jahr 1945 – und deren grauenvollen gesundheitlichen Folgen wuchs.
Parallel dazu wurde die Kernspaltung aber auch für die Stromerzeugung entdeckt. Anders als die Herstellung von Atomwaffen nahm die Entwicklung von Kernkraftwerken weiter Fahrt auf und erreichte 1996 ihren Höchststand. Auch hier mussten nukleare Katastrophen wie etwa Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) folgen, damit die Gefahr des spaltbaren Urans allgegenwärtig bewusst und gefürchtet wurde. Wenn wir hier an nukleare Katastrophen denken, dann sind es solche wie in Hiroshima, Nagasaki, Tschernobyl und Fukushima.
Doch die verheerenden gesundheitlichen Folgen der radioaktiven Strahlungen, die durch die spaltbaren Elemente von Uran freigesetzt werden, treten nicht erst bei einem Atombombenabwurf oder einem nuklearen Unfall ein. Damit die Energie des spaltbaren Urans für Atomwaffen und Atomkraftwerke überhaupt genutzt werden kann, muss zunächst Uranerz abgebaut und das spaltbare Uran von seinem Begleitgestein getrennt werden. Dabei werden radioaktive Strahlungen sowie Fein- und Grobstäube freigesetzt und die Luft wird mit Radongas belastet. Die Folgen davon: Das Lungenkrebsrisiko der Bergarbeiter*innen steigt um 50 bis 70 Prozent, radioaktive Strahlen schädigen Körperzellen und die Erbsubstanz, welche an die Nachkommen weitervererbt und folglich auch Generationen später zu Krebs, Organschäden, hormonellen Störungen, Unfruchtbarkeit oder Fehlgeburten führen.
Betroffen sind aber nicht nur die Bergarbeiter*innen. Das Gebiet rund um die Uranerzminen bleiben auch nach ihrer Schliessung von radioaktiven Strahlen belastet. Das Trinkwasser und die Nahrungskette bleiben mit Uran und seinen Zerfallsprodukten kontaminiert. Ein Ende der grauenvollen gesundheitlichen Folgen für die umliegende Bevölkerung gibt es also nicht. Doch wo wird das gemacht? Wer ist davon betroffen? Darüber wird hier im globalen Norden, dem Hauptabnehmer des Urans, mehrheitlich geschwiegen.
Nicht so bei den Menschen, die direkt vom Uranabbau betroffen sind. Ein ungefähr 15’000 Jahre alter Mythos der australischen Aborigines warnt vor einer Regenbogenschlange, die in einem Berg lebt. Wird ihre Ruhe gestört, so wird sie das Leben auf der Erdoberfläche vernichten. Es stellte sich heraus, dass sich unter besagtem Berg Uran befindet – und so wurde die Regenbogenschlange zum Zeichen der Widerstandsbewegung der vom Uranabbau betroffenen lokalen Bevölkerung.
Doch Bergbauunternehmen interessieren sich natürlich nicht für Mythen und begannen weltweit auf uranreichen Gebieten indigener Völker mit dem Uranabbau. Sei es auf dem Land der Dene in Kanada, im Gebiet der Navajo und der Anishinaabe in den USA, oder in Australien auf dem Gebiet der Aborigines. Und mehrheitlich diese Menschen waren und sind es bis heute, die die Bergbauarbeiten verrichten. Es sind Menschen, die von Armut betroffen sind, deren Rechte und insbesondere deren Menschenrecht auf körperliche Unversehrtheit vom reichen Norden wenig Beachtung finden.
Und wo stehen wir heute? Fukushima liegt kaum ein Jahrzehnt zurück, Albert Rösti spricht wieder von neuen Atomkraftwerken und der globale Norden begibt sich erneut in die nukleare Aufrüstungsspirale. Als wären Fukushima, Hiroshima und Nagasaki nie gewesen, als wüssten wir nicht mehr, weshalb die Abrüstungsverträge ausgearbeitet und erneuerbare Energien gesucht und gefördert wurden. Obwohl diese Katastrophen erst wenige Jahrzehnte zurückliegen, wird die Warnung aus dem Mythos der Regenbogenschlange ignoriert. Eine Ignoranz, die den Betroffenen der Folgen von Uranabbau nie möglich sein wird.

