Neun Staaten verfügen über Nuklearwaffen oder nukleare Ambitionen. Jeder dieser Fälle offenbart spezifische friedenspolitische Risiken.
USA und Russland
Sowohl Washington wie auch Moskau besitzen jeweils Tausende Sprengköpfe. Ihre Sicherheitsdoktrin beruht auf nuklearer Abschreckung – dem Prinzip, dass ein Angriff zur gegenseitigen Vernichtung führt. Doch dieses «Gleichgewicht des Schreckens» ist kein Garant für Stabilität. Technisches Versagen oder Fehlentscheidungen könnten jederzeit eine Katastrophe auslösen. Frieden, der auf Angst basiert, bleibt fragil. Und Putin hätte den Angriff auf die Ukraine kaum gewagt, hätte er nicht gewusst, dass er potentielle Unterstützer der Ukraine mit seinem atomaren Arsenal abschrecken kann.
China
China baut sein Arsenal deutlich aus – auch mit neuen Silos und mobilen Trägersystemen. Die Regierung rechtfertigt dies mit Bedrohungen durch die USA. Doch der Ausbau ist brandgefährlich: Er verschärft geopolitische Spannungen und provoziert Gegenreaktionen. Die Folge ist ein sich selbst verstärkendes Wettrüsten, besonders in Asien.
Frankreich und Grossbritannien
Beide Länder besitzen je einige Hundert Sprengköpfe. Sowohl Frankreich wie auch das Vereinigte Königreich investieren jährlich jeweils einen ähnlich grossen Betrag in den Unterhalt und die Weiterentwicklung ihrer Nuklearwaffen wie Russland. Da die USA unter Trump ihren Status als westliche Schutzmacht aufgegeben haben, gewinnen die europäischen Atomwaffen eine neue Bedeutung. Ob dies zu vermehrter Zusammenarbeit führt oder dazu, dass sich auch Länder wie Deutschland oder Polen genötigt fühlen, atomar aufzurüsten, werden die nächsten Jahre zeigen.
Indien und Pakistan
Die beiden Rivalen besitzen seit den 1990er-Jahren Nuklearwaffen. Die ungelöste Kaschmir-Frage und regelmässige militärische Zwischenfälle machen die Region hochgradig instabil. Anders als die Grossmächte verfügen beide über nur begrenzte Krisenkommunikation. Die Gefahr einer Eskalation aus Versehen ist real – mit dramatischen Folgen für Millionen Menschen.
Nordkorea
Das abgeschottete Land hat sich 2006 zur Atommacht erklärt, nachdem es sich das Know-how von pakistanischen Wissenschaftlern gekauft hatte – entgegen dem Willen aller etablierter Atommächte. Die Waffen dienen vor allem der Regimestabilisierung und internationalen Erpressung. Verhandlungen bleiben schwierig, da Vertrauen fehlt. Das Beispiel Nordkoreas macht deutlich, dass nukleare Abschreckung in autoritären Staaten besonders riskant ist, weil dort eine einzige Führungsperson über Krieg und Frieden entscheidet.
Israel
Israel äussert sich nicht offiziell zum Besitz von Atomwaffen, gilt aber als de-facto-Atommacht. Diese Politik der «nuklearen Ambiguität» soll abschrecken und gleichzeitig das Risiko einer Eskalation verringern. Grundlage ist die sogenannte Begin-Doktrin, die vorsieht, keine Atomwaffen in feindlichen Nachbarstaaten zu dulden – notfalls durch präventive Schläge, wie 1981 gegen Iraks Reaktor Osirak. Diese Strategie schafft ein asymmetrisches Sicherheitsgefüge im Nahen Osten und fördert Misstrauen – eine dauerhafte Friedensordnung wird so erschwert.
Iran
Der Iran verfolgt offiziell ein ziviles Atomprogramm, doch immer wieder gibt es Hinweise auf mögliche militärische Ambitionen. Das Atomabkommen von 2015 sollte dies unterbinden, wurde jedoch durch den US-Ausstieg 2018 verhindert. Aus friedenspolitischer Sicht ist das iranische Programm vor allem ein Symptom: Solange einige Staaten Atomwaffen besitzen dürfen, bleibt der Wunsch anderer bestehen – mit verheerenden Folgen.
Atomwaffen schaffen keine Sicherheit, sondern verstärken die weltweite Unsicherheit. Jeder einzelne Atomstaat trägt zu einer Weltordnung bei, in welcher Gewaltpotenzial über global geltenden Regeln und Kooperation steht. Ob offiziell anerkannt oder nicht – der Besitz von Atomwaffen erhöht das Risiko von Eskalation, von Misstrauen und von Zerstörung bisher unbekannten Ausmasses. Ein stabiler globaler Frieden bedingt gemeinsame Verantwortung und faire Regeln, und keine Sonderrechte einzelner Staaten auf Atomwaffen.
